mittendrin Nr. 1

    An der Realität vorbei

    Mein Standpunkt

    An der Realität vorbei

    Die Forderung ist absurd: Vielen öffentlichen Bibliotheken fehlt es hinten und vorne an Geld, überall ist Personal
    knapp – und jetzt sollen die Einrichtungen bitteschön auch am Sonntag öffnen? Die Debatte geht an der Realität komplett vorbei. Die städtische Musikbibliothek in Halle ist dafür ein gutes Beispiel: Diese öffentliche Zweigbibliothek ist nur noch ein paar Stunden am Tag geöffnet, mal vormittags, mal nachmittags, mittwochs bleibt sie komplett geschlossen. Die Musikbibliothek der Stadt stirbt leise vor sich hin. Auch viele andere kleine Bibliotheken sind längst nicht mehr an der Lage, montags bis samstags zu regulären Öffnungszeiten ihren Auftrag zu erfüllen. Menschen stehen oft vor verschlossenen Türen. Das ist ein Jammer.

    Kerstin Thorwirth privat Kerstin Thorwirth  – arbeitet als Bibliothekarin an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und ist stellvertretende Vorsitzende des ver.di-Landesfachbereichs Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen.

    Deshalb sollten wir lautstark darüber diskutieren: Wie lassen sich die Bibliotheken finanziell so ausstatten, dass sie ihrem Bildungsanspruch flächendeckend gerecht werden können? Davon steht im Koalitionsvertrag der Bundesregierung kein Wort. Stattdessen heizt die Politik eine Debatte über Sonntagsöffnung an. Purer Luxus, der zwangsläufig auf Kosten des regulären Angebots geht. Schließlich sprechen wir nicht nur über Leuchtturmbibliotheken in Großstädten, sondern auch über all die Büchereien in kleineren Städten und auf dem Land. Ihre Zahl sinkt seit Jahren kontinuierlich. Dem Statistischen Bundesamt zufolge gab es 2021 knapp 8.900 öffentliche und wissenschaftliche Bibliotheken, zehn Jahre zuvor waren es noch rund 1.500 mehr. Mit anderen Worten: Fast jede siebte Einrichtung bundesweit wurde seither geschlossen.

    Darüber müssen wir reden. Zumal viele kleinere Büchereien akut um ihre Zukunft bangen. Sie wissen: Wo kürzen Kommunen in der Regel zuerst, wenn die Kassen leer sind? Bei Schwimmbädern. Bei Musikschulen. Und bei Bibliotheken. In kleinen Orten bleibt die Ausleihe kurzerhand geschlossen. Doch in Berlin redet man über Sonntagsöffnungen. Und über Bibliotheken als »dritter Ort«. Die Büchereien sollen demnach künftig am liebsten auch noch Jugendhäuser, Kulturtreffs oder soziokulturelle Zentren ersetzen – Einrichtungen, für die längst kein Geld mehr da ist.

    In den wissenschaftlichen Bibliotheken wurde die Sonntagsöffnung bereits vor Jahren trotz Protesten durchgesetzt. Seither sitzen an der Ausleihe sonntags in der Regel studentische Hilfskräfte oder Wachleute. Sie sind schlecht bezahlt und schlecht ausgebildet. Eine Billigvariante. Der Service leidet, das Geld fehlt an anderer Stelle. Zudem verschärft sich dadurch der Fachkräftemangel.

    Bereits seit Jahren klagen die Angestellten über zu viel Arbeit und immer neue Aufgaben. Zumal die Bibliotheken in der Regel auch samstags lange geöffnet haben und Zeit mit der Familie am Wochenende ohnehin knapp bemessen ist. Keine Frage: Eine Sonntagsöffnung macht den Beruf noch unattraktiver. Das kann niemand wollen. Unsere wichtigste Forderung lautet: Mehr Geld für Bibliotheken, damit sie ihren Bildungsauftrag erfüllen können. Über alles andere können wir gerne danach sprechen.

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