mittendrin Nr. 1

    »Wir freuen uns, dabei zu sein«

    Behindertenhilfe

    »Wir freuen uns, dabei zu sein«

    Die Beschäftigten des Emstaler Vereins wollen mithelfen, ein gutes Tarifergebnis im öffentlichen Dienst zu erreichen.


    Die Tarifrunde im öffentlichen Dienst steht bevor. Zum ersten Mal dabei: die rund 100 Beschäftigten des Emstaler Vereins, die vor allem psychisch kranke Menschen in Kassel und Umgebung unterstützen. Bis vor kurzem galt hier kein Tarifvertrag. Die Kolleg*innen haben das geändert – indem sie sich gewerkschaftlich organisierten und für ihre Belange aktiv wurden. So erreichten sie einen Haustarifvertrag, mit dem der Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst (TVöD) bis auf kleinere Abweichungen dynamisch angewendet wird, also inklusive künftiger Verbesserungen. Das beschert den Beschäftigten teils mehrere hundert Euro mehr im Monat – und gibt ihnen die Möglichkeit, als Teil der bundesweiten Tarifbewegung weitere Verbesserungen durchzusetzen.

    Der Sozialarbeiter Sebastian Förster beim Warnstreik des Sozial- und Erziehungsdienstes. In der Tarifrunde will er wieder auf die Straße gehen. privat Der Sozialarbeiter Sebastian Förster beim Warnstreik des Sozial- und Erziehungsdienstes. In der Tarifrunde will er wieder auf die Straße gehen.


    »Wir freuen uns, dabei zu sein«, sagt der Sozialarbeiter Sebastian Förster mit Blick auf die anstehende Tarifrunde. »Es ist gut, dass wir nun selbst für unsere Interessen einstehen können, statt andere für uns kämpfen zu lassen.« Die Tarifabschlüsse des öffentlichen Dienstes seien auch in der Vergangenheit Maßstab für die Arbeitsbedingungen im Emstaler Verein gewesen. Was davon wie umgesetzt wurde, bestimmte der Arbeitgeber jedoch allein. Das richtete sich vor allem nach der Arbeitsmarktlage: Die Einstiegsgehälter waren zum Teil etwas höher als im TVöD, weil das die Gewinnung von Arbeitskräften erleichterte. Auf lange Sicht lagen die Entgelte allerdings deutlich unter TVöD-Niveau.

    Vor zwei Jahren nahmen sich vier aktive Kolleg*innen vor, das zu ändern. Sie gründeten eine ver.di-Betriebsgruppe und machten Werbung für einen Tarifvertrag. »Ob bei Betriebsversammlungen oder Teamsitzungen – wir haben jede Gelegenheit genutzt, um zu erklären, was ein Tarifvertrag ist und dass wir nur so
    verbindlich bessere Arbeitsbedingungen durchsetzen können«, erläutert Förster. »Immer mehr haben das verstanden und sich ver.di angeschlossen.« Der Organisationsgrad stieg von etwa 30 auf über 50 Prozent.

    Nach anfänglichem Widerstand ließ sich die Geschäftsführung auf Tarifverhandlungen ein. »Wir sind dann in nur vier Verhandlungsrunden zu einem Ergebnis gekommen, das insgesamt bessere Arbeitsbedingungen und höhere Löhne bedeutet«, berichtet der Sozialarbeiter. Durch die Einführung neuer Entgeltstufen und kürzerer Stufenlaufzeiten erhöht sich das Monatsentgelt für manche um mehrere hundert Euro monatlich, insbesondere langjährige Beschäftigte profitieren.

    Der Betriebsrat schloss zeitgleich eine Betriebsvereinbarung, die Erzieher*innen, Therapeut*innen und Pflegekräfte akademisch ausgebildeten Sozialarbeiter*innen gleichstellt, die dieselben Tätigkeiten ausüben. »Durch Fortbildungen, die während der Arbeitszeit absolviert werden, kommen sie nach einem Beschäftigungsjahr in dieselbe Entgeltgruppe«, erklärt Förster. »Das war uns sehr wichtig, denn wir wollen keine Ungleichbehandlung innerhalb der Belegschaft.«

    Durch den Tarifabschluss konnten sich die Kolleg*innen beim Emstaler Verein im Frühjahr an den Warnstreiks für Aufwertung und Entlastung im Sozial- und Erziehungsdienst beteiligen. Das dort erzielte Ergebnis bescherte ihnen unter anderem eine bessere Eingruppierung. Jetzt wollen sie nachlegen und mithelfen, den TVöD zu verbessern. »Angesicht der Inflation sind die Erwartungen hoch. Wir wollen dazu beitragen, dass die Löhne deutlich steigen.«

    • 1 / 3

    Weiterlesen

    Die gesamte Zeitung als PDF zum Download.

    Newsletter

    Immer auf dem aktuellen Stand: Der Newsletter des Fachbereichs Gesundheit, Soziale Dienste, Bildung und Wissenschaft