Altenpflege

    Glücklich nach Tariferfolg

    Glücklich nach Tariferfolg

    Altenpfleger*innen bei Korian in Rheinland-Pfalz freuen sich über bis zu 20 Prozent mehr Geld. Sie haben sich organisiert und dadurch einen Tarifvertrag durchgesetzt.


    Unzumutbare Arbeitszeiten, schlechte Arbeitsbedingungen, Bezahlung auf oder nahe am Pflege-Mindestlohn – so waren die Zustände im Haus am Erlenhofsee im rheinland-pfälzischen Ransbach-Baumbach noch vor wenigen Jahren. Die Beschäftigten haben das geändert. Sie gründeten einen Betriebsrat, der seine Mitbestimmungsrechte konsequent nutzte. Und als sie erkannten, dass die betriebliche Interessenvertretung keine guten Löhne durchsetzen kann, organisierten sie sich in ver.di. Damit haben sie erreicht, was in der Altenpflege Seltenheitswert hat: Ab dem 1. September gilt ein Tarifvertrag, der in etwa auf dem Niveau des öffentlichen Dienstes liegt und manchen Beschäftigten bis zu 20 Prozent mehr Geld beschert.

    Als die Altenpflegerin Nina Thomas 2016 als Qualitätsbeauftragte anfing, wurde im Haus am Erlenhofsee gerade alles schlechter. Der französische Gesundheitskonzern Korian übernahm das Pflegeheim und drehte an der Kostenschraube, unter anderem durch den Abbau von Servicestellen auf den Stationen. Einige Kolleg*innen zogen daraus die Konsequenz und gründeten mit Unterstützung von ver.di einen Betriebsrat. Das half. »Vorher mussten wir ständig aus dem Frei einspringen«, erinnert sich die Betriebsratsvorsitzende Nina Thomas. »Das Arbeitszeitgesetz wurde standardmäßig ignoriert. Es gab viele Überstunden, die weder in Freizeit noch Geld ausgeglichen wurden. All das haben wir geändert.« Der Betriebsrat auf die Einhaltung der Gesetze, klagte mit Unterstützung seiner Anwältin Annette Malottke gegen nicht mitbestimmte Dienstplanänderungen und verhandelte über eine Betriebsvereinbarung zur Dienstplangestaltung, über die erst in der Einigungsstelle entschieden wurde.

    Die Kolleg*innen vom Haus am Erlenhofsee feiern ihren Erfolg. ver.di Die Kolleg*innen vom Haus am Erlenhofsee feiern ihren Erfolg.

    Skepsis überwunden

    Als nächstes wollten die Aktiven die unzureichende Bezahlung angehen. »Pflegehelfer bekamen nur den Mindestlohn, die Fachkräfte wurden ganz unterschiedlich bezahlt. Doch als Betriebsrat können wir nicht über die Lohnhöhe verhandeln, deshalb haben wir uns an ver.di gewandet«, berichtet Nina Thomas. Schnell wurde klar: Um einen guten Tarifvertrag durchzusetzen, braucht es eine starke gewerkschaftliche Basis im Betrieb. Mindestens die Hälfte der Belegschaft muss in ver.di organisiert sein. Doch es gab viel Skepsis. »Das bringt doch eh nichts«, »die anderen machen bestimmt nicht mit«, war zu hören. Die Aktiven beschlossen, drei Monate lang Mitgliedsanträge zu sammeln. Nur wenn die 50 Prozent erreicht würden, sollten sie abgeschickt werden. »Wir haben mit jedem Einzelnen persönlich gesprochen und sind auf ihre Bedenken eingegangen – das war harte Arbeit«, sagt Nina Thomas. »Wir haben immer wieder bekanntgegeben, wo wir stehen. Die Leute haben gesehen: Es tut sich was, ich bin nicht allein. Schließlich wurde es zum Selbstläufer.« Anfang 2021 war das erforderliche Quorum erreicht, ver.di forderte Korian zu Tarifverhandlungen auf.

    »Zu Beginn waren die Angebote des Arbeitgebers meilenweit weg von unseren Forderungen«, berichtet der ver.di-Sekretär Tobias Zejewski. Doch als die Gewerkschaft Anfang dieses Jahres den Entwurf für eine Notdienstvereinbarung übersandte – und damit die Streikbereitschaft der Pflege- und Betreuungskräfte klarmachte – kam Bewegung in die Verhandlungen. Schließlich akzeptierte Korian für das Haus am Erlenhofsee und für eine weitere Pflegeeinrichtung im weiter südlich gelegenen Niedersteinbach, deren Beschäftigte sich zwischenzeitlich ebenfalls organisiert hatten, einen Tarifvertrag. Dieser hat es in sich.

    »Ich rufe alle Arbeitgeber der Altenpflege auf, ganz gleich ob privat oder freigemeinnützig, diesem guten Beispiel des Korian-Konzerns zu folgen und mit uns in Verhandlungen einzutreten«

    Frank Hutmacher, ver.di Rheinland-Pfalz

    Die Wochenarbeitszeit wird bei vollem Lohnausgleich von 40 auf 38,5 Stunden verkürzt. Die Gehälter der Pflegefachkräfte werden bis September 2023 um bis zu 1.500 Euro, die der Hilfskräfte um bis zu 700 Euro monatlich angehoben. Hinzu kommen Jahressonderzahlungen, Zuschläge und Zulagen für besondere Funktionen und Praxisanleitung.

    Korian habe offenbar erkannt, dass eine attraktive Bezahlung und bessere Arbeitsbedingungen per Tarifvertrag für die Personalgewinnung und damit den Erhalt der eigenen Konkurrenzfähigkeit entscheidend seien, meint der ver.di-Verhandlungsführer Mirko Gelfert. Der Tarifabschluss könne »maßgebliches Zugpferd für Verhandlungen mit weiteren privaten, freigemeinnützigen sowie Pflegeanbietern in öffentlicher Hand« werden. Korian selbst denkt wohl darüber nach, den Tarifvertrag auf alle Einrichtungen in Rheinland-Pfalz und im Saarland auszuweiten. »Ich rufe alle Arbeitgeber der Altenpflege auf, ganz gleich ob privat oder freigemeinnützig, diesem guten Beispiel des Korian-Konzerns zu folgen und mit uns in Verhandlungen einzutreten«, appelliert Frank Hutmacher, der bei ver.di in Rheinland-Pfalz für das Gesundheitswesen zuständig ist.

    »Die Leute sind total glücklich«, berichtet Nina Thomas von der Stimmung im Haus am Erlenhofsee. »Viele können gar nicht glauben, was wir erreicht haben.« Wichtig sei, die gewonnene Stärke zu erhalten. »Wir haben uns vorgenommen, mit neuen Kollegen immer direkt zu sprechen, damit wir unseren Organisationsgrad halten. Denn gute Tarifverträge gibt es nur mit einer starken Gewerkschaft.«

    Daniel Behruzi



    veröffentlicht/aktualisiert am 2. Juni 2022

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