Altenpflege

    Für eine echte Pflegereform

    Aktionstag Altenpflege 2022

    Für eine echte Pflegereform

    Die Beschäftigten in der Altenpflege sind am Limit. Und genau das haben sie den politisch Verantwortlichen deutlich gezeigt. Mit der Aktionswoche „Trotz Grün Gelb Rot: Die Pflege bleibt in Not“ haben sie sich für eine grundlegende Reform der Pflege stark gemacht. Die Beschäftigten fordern die Stärkung der Tarifbindung, eine Solidarische Pflegegarantie und eine verbindliche Personalbemessung. Von der Politik fühlen sich die Kolleginnen und Kollegen auf´s Abstellgleis geschoben.

    Deswegen haben die Beschäftigten nun Druck gemacht und sich bundesweit an der Aktionswoche Altenpflege beteiligt. Vom 14. bis zum 18. November, rund um den Buß- und Bettag, nahmen sie an der ver.di-Fotoaktion, Kundgebungen, Demonstrationen und aktiven Mittagspausen teil. So auch in Würzburg, wo Edith Günter-Rumpel mit ihren Kolleg*innen vom Diakonischen Werk mit einer kreativen Aktion auf eines der größten Probleme in der Altenpflege aufmerksam machte: den Personalmangel. Vor dem Wohnstift St. Paul, einem Seniorenzentrum der Diakonie Würzburg, unterstützte ein Ritter in ver.di-Rüstung die Beschäftigten bei ihrem Einsatz für bessere Arbeitsbedingungen in der Altenpflege. „Im Alltag aber kann uns kein Superheld retten“, sagte Edith Günter-Rumpel. Es bleibe kaum noch Zeit für Empathie und Gespräche mit den Bewohner*innen. Das und die ständige Zeitnot, die Arbeit im Dauerstress treibe viele Beschäftigte dazu, den Beruf zu verlassen. Um wieder mehr Menschen für die Pflege zu gewinnen, forderten die Beschäftigten der Diakonie Würzburg daher u.a. eine 4-Tage-Woche bei gleichem Gehalt und die Rente mit 60 ohne Abschläge. „Wir haben einen schönen Beruf, den wir unter schlechten Bedingungen ausüben müssen“, sagte die 58-Jährige und ist überzeugt, dass statt Superheld*innen die Beschäftigten selbst für Verbesserungen in der Altenpflege kämpfen müssen. Dafür sind Edith Günter-Rumpel und ihre Kolleg*innen auch bereit auf die Straße zu gehen.

    Vor dem Wohnstift St. Paul, einem Seniorenzentrum der Diakonie Würzburg, unterstützte ein Ritter in ver.di-Rüstung die Beschäftigten bei ihrem Einsatz für bessere Arbeitsbedingungen in der Altenpflege. ver.di Vor dem Wohnstift St. Paul, einem Seniorenzentrum der Diakonie Würzburg, unterstützte ein Ritter in ver.di-Rüstung die Beschäftigten bei ihrem Einsatz für bessere Arbeitsbedingungen in der Altenpflege.

    Eine deutliche Botschaft an die Regierungskoalition von SPD, Grünen und FDP hatten die Beschäftigten der 26 AWO-Seniorenzentren im Saarland mit im Gepäck. Die Belegschaften mehrerer Häuser beteiligten sich mit aktiven Mittagspausen an der ver.di-Fotoaktion. Mit zahlreichen Bannern und Plakaten positionierte Patrik Kleinbauer sich gemeinsam mit seinen Kolleg*innen direkt vor dem AWO-Seniorenzentrum Sulzbach. „Uns geht es in erster Linie um die Einführung eines verbindlichen Personalschlüssels“, berichtete der Betriebsrat. Die Koalition müsse endlich die Personalbemessung in der Altenpflege vorantreiben, so wie sie es im Koalitionsvertrag versprochen hatte. „Denn nur mit ausreichend Personal können wir qualitativ gute Pflege leisten“, sagte Patrik Kleinbauer. Um die Personalsituation langfristig zu entspannen, müsse jetzt unbedingt in Ausbildung und Nachwuchskräfte investiert werden, ist der 49-jährige überzeugt.

    Seniorenwerk Am Mergelteich in Dortmund ver.di Seniorenwerk Am Mergelteich in Dortmund

    Auch in Nordrhein-Westfalen wird dringend mehr Personal benötigt. „Und das muss vernünftig bezahlt werden“, forderte Eva Wittig, die bei der Seniorenwerk Am Mergelteich gGmbH arbeitet. Die Betriebsrätin hat am Buß- und Bettag vor dem Pflegeheim Hermann-Keiner-Haus in Dortmund Stellung bezogen, mehr als die Hälfte der anwesenden Mitarbeiter*innen kam zur Kundgebung in der Mittagspause. Auch Angehörige und Bewohner*innen unterstützten die Beschäftigten, die mit selbstgestalteten Plakaten u.a. „Mehr Geld für die Altenpflege“ forderten. Aktuell kämpft die Belegschaft auch für die Aufnahme von Tarifverhandlungen für einen Haustarifvertrag. „Noch besser wäre natürlich ein flächendeckender Tariflohn in der Altenpflege“, sagte Eva Wittig. „Der müsste dann alle Beschäftigtengruppen in der Altenpflege in den Blick nehmen“, so der Wunsch der Altentherapeutin. Dass die Bewohner*innen nicht die Leidtragenden einer stärkeren Tarifbindung und steigender Löhne sind, liegt Eva Wittig besonders am Herzen. Denn mit der Einführung des Gesundheitsversorgungsweiterentwicklungsgesetz (GVWG) seien die Kosten für die Bewohner*innen ohnehin schon erheblich gestiegen, während auf der anderen Seite kaum Verbesserungen beim Personal angekommen seien. „Seit September 2022 müssen Bewohner*innen in unserem Pflegeheim ca. 1.000€ mehr zahlen“, berichtete die Betriebsrätin. Zwei Bewohner*innen wären deswegen schon wieder aus dem Pflegeheim ausgezogen. „Das kann es nicht sein“, zeigte sich die Gewerkschafterin empört, „unsere Pflegefinanzierung muss dringend überdacht werden.“ 

    Menschenkette rund um das AWO-Seniorenzentrum Johannes-Rau-Haus in Moers ver.di Menschenkette rund um das AWO-Seniorenzentrum Johannes-Rau-Haus in Moers

    Dieser Beurteilung schloss sich Hans-Jürgen (Hajo) Schneider an. Der Gesamtbetriebsratsvorsitzende der AWO Seniorendienste Niederrhein forderte „eine echte Reform der Pflegeversicherung“. Im Sinn hat er dabei den Vorschlag von ver.di für eine Solidarische Pflegegarantie, mit der eine finanzielle Entlastung der Bewohner*innen und eine Aufwertung für alle Beschäftigten in der Altenpflege erreicht werden könne. In Moers beteiligte sich Hajo Schneider am Buß- und Bettag deshalb an einer Menschenkette rund um das AWO-Seniorenzentrum Johannes-Rau-Haus. Rund 70 Menschen kamen für diese Aktion zusammen, um die Bewohner*innen und Mitarbeiter*innen symbolisch zu schützen. Neben Beschäftigten nahmen auch Vertreter*innen der Bewohner*innenbeirats teil. „Wir alle erwarten, dass die Regierung endlich handelt“, sagte der 63-Jährige. „Die Politik muss erkennen, dass die Maßnahmen im Gesundheitsversorgungsweiterentwicklungsgesetz (GVWG) der Vorgängerregierung nicht ausreichen, um den Pflegenotstand abzuwenden.“

    Teilnehmer*innen der Landesfachbereichskonferenz in Nordrhein-Westfalen ver.di Teilnehmer*innen der Landesfachbereichskonferenz in Nordrhein-Westfalen

    Unterstützung für ihre Forderungen erhielten die Beschäftigten aus der ganzen Bundesrepublik auch von den Mitgliedern der ver.di-Bundesfachkommission Altenpflege und den rund 170 Teilnehmer*innen der Landesfachbereichskonferenz in Nordrhein-Westfalen. Beide Gremien sandten Solidaritäts-Botschaften und betonten, dass der Buß- und Bettag 1995 als Feiertag gestrichen wurde, um den Arbeitgeberanteil zur neu geschaffenen Pflegeversicherung auszugleichen. Wer also am Buß- und Bettag arbeitet, tut dies, um die Pflege zu finanzieren. Die Woche rund um den Buß- und Bettag ist also ein passender Zeitpunkt, um auf bestehende Missstände in der Altenpflege aufmerksam zu machen.


    veröffentlicht/aktualisiert am 18. November 2022

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