»Und was ist mit uns?«

Neue Ausbildung und hoffentlich bald mehr Geld für alle: Die heilpädagogischen Förderlehrkräfte in Bayern haben durchgesetzt, dass ihr Beruf aufgewertet wird.
02.07.2024

Die heilpädagogischen Förderlehrkräfte haben nicht lockergelassen: Sie haben ein Bündnis gegründet, tausende Unterschriften gesammelt, Kundgebungen abgehalten und viele Gespräche mit der Landesregierung geführt. Mit dem Ziel, ihren Beruf aufzuwerten und eine faire Bezahlung durchzusetzen. »Das war ein dickes Brett«, sagt ver.di-Gewerkschaftssekretärin Christiane Glas-Kinateder aus Bayern. »Aber es hat sich gelohnt. Die Bewegung hat Erfolg gezeigt.«

Im ersten Schritt hat die bayerische Landesregierung eine neue zweijährige Ausbildung eingerichtet: Die künftigen Fachlehrkräfte für Sonderpädagogik werden in Zukunft deutlich besser bezahlt und können verbeamtet werden. Bisher gehen die jetzigen Beschäftigten leer aus. Sie ringen noch darum, ebenfalls mehr Geld zu bekommen. Die bayerische Landesregierung signalisiert Unterstützung.

 
Heilpädagogische Förderlehrkräfte in Aktion

»Seit Jahren kämpfen wir für eine Aufwertung unseres Berufs«, betont Ivana Kolbova, die als heilpädagogische Förderlehrkraft an einem Förderschulzentrum der Lebenshilfe in Nürnberg arbeitet. Die neue Ausbildung sei ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung, doch offen blieb lange die Frage: »Und was ist mit uns?« Schließlich hätten sie die gleiche Ausbildung wie die zukünftigen Fachlehrkräfte – und on top noch Berufserfahrung.

Nach ihrer Ausbildung zur Erzieherin hat Ivana Kolbova eine zweijährige Zusatzausbildung absolviert. Als heilpädagogische Förderlehrerin unterrichtet sie Jugendliche mit Schwerpunkt geistige Entwicklung. Sie muss die gleichen Aufgaben wie eine Klassenlehrerin übernehmen, Zeugnisse schreiben, Elterngespräche führen, Praktika organisieren und, und, und. »Alles, was eine Sonderschullehrerin auch tut«, sagt Ivana Kolbova. Mit dem Unterschied, dass sie 29 Stunden pro Woche unterrichtet, ihre Kollegin mit Lehramtsstudium drei Stunden weniger, zudem verbeamtet ist und viel mehr Gehalt bekommt. »Das ist schon unfair.«

 
Lassen nicht locker: Kundgebung für eine Aufwertung ihres Berufs

Hinzu kommt: Trotz höherer Qualifikation verdienten heilpädagogische Förderlehrkräfte laut Tarifvertrag weniger als beispielweise Erzieherinnen im Sozial- und Erziehungsdienst, die ebenfalls mit Kindern mit Integrationsbedarf in außerschulischen Einrichtungen arbeiten. »Die Unzufriedenheit mit der Bezahlung war sehr groß«, berichtet die heilpädagogische Förderlehrkraft. Deshalb gründeten sie vor zwei Jahren ein Bündnis, zu dem ver.di und GEW gehören. »Gemeinsam haben wir viel mehr Power«, sagt sie, »und viel in Bewegung gesetzt.«

Doch zunächst erklärte die Landesregierung lediglich, den Beruf durch eine neue Ausbildung am Staatsinstitut aufzuwerten. Damit ist die Grundlage für die Verbeamtung und eine bessere Vergütung geschaffen. Eine Verbesserung der Situation der jetzigen Beschäftigten war jedoch erst einmal nicht vorgesehen. »Frust und Ärger waren groß«, berichtet Christiane Glas-Kinateder. Dafür sollten die heilpädagogischen Förderlehrkräfte viele Jahre lang gekämpft haben? Fest stand: »Sie müssen auch höher eingruppiert werden, sagt die Gewerkschafterin, »und genauso viel verdienen wie die Kolleg*innen mit einer Ausbildung am Staatsinstitut. Alles andere wäre total ungerecht.«

Also gingen sie wieder auf die Straße, sammelten erneut Unterschriften, demonstrierten vor dem Kultusministerium – und machten auf die Misere aufmerksam. Jetzt habe die Landesregierung angekündigt, eine höhere Eingruppierung erwirken zu wollen, sagt die Gewerkschafterin. »Die Landesregierung beziehungsweise der gesamte bayerische Landtag steht bei dieser Frage nun hinter uns. « Eine weitere wichtige Forderung lautet, dass den Beschäftigten ebenfalls der Weg zur Fachlehrkraft für Sonderpädagogik eröffnet werden muss. Ivana Kolbova ist optimistisch, dass sich auch für sie endlich etwas verbessert: »Ich habe noch Hoffnung.«

 

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