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    »Etwas tun«

    »Etwas tun«

    Wolf Gero Eggers privat Wolf Gero Eggers

    Mit einem Hilfskonvoi zur ukrainischen Grenze: Gewerkschafter von der ver.di-Betriebsgruppe an der Berliner Hochschule für Technik ermöglicht hilfsbedürftigen Menschen die Flucht.

    Ein paar Tage nach Kriegsbeginn fährt Wolf Gero Eggers zum ersten Mal mit einem Transporter zwölf Stunden lang über Polen und die Slowakei zur ukrainischen Grenze. Dort lädt er Hilfsgüter ab und nimmt Flüchtlinge mit zurück. „Ich musste einfach etwas tun“, sagt der Gewerkschafter von der ver.di-Betriebsgruppe an der Berliner Hochschule für Technik. Sein Einsatz gilt vor allem all jenen, für die eine Flucht auf eigene Faust zu beschwerlich ist: Frauen mit behinderten Kindern oder Säuglingen sowie sehr alte Menschen. „Sie schaffen es nicht, sich in überfüllte Züge zu quetschen“, erklärt er. Viele von ihnen stranden an der Grenze. Mit einem Hilfskonvoi bringt der Labormitarbeiter für Softwareentwicklung sie in Sicherheit.


    Direkt nach dem Angriff auf die Ukraine suchte der Hochschulmitarbeiter nach Möglichkeiten, wie er den Menschen in Not helfen kann. Durch Zufall verfügte eine Mutter aus der Schule seines Sohns über persönliche Kontakte in die Ukraine und organisierte Unterstützung. Wolf Gero Eggers nahm kurzfristig Urlaub. Und kümmerte sich gemeinsam mit anderen Eltern darum, Autos auszuleihen und Hilfsgüter wie Stromgeneratoren, Thermokleidung oder Verbände aufzutreiben. „Da habe ich schnell jede Scheu abgelegt“, berichtet er. „Höflich anfragen und abwarten, dafür fehlt die Zeit.“ Für die erste Fahrt zur Grenze stellte eine Autovermietung einen Trans por ter zum Selbstkostenpreis zur Verfügung, ein Hotel überließ seinen Shuttlebus und ver.di in Berlin übernahm die Miete für einen Kleinbus.


    Das Team steht via Telegram in Kontakt mit jungen Leuten in der Ukraine, die Mitfahrgele - gen heiten für hilfsbedürftige Menschen vermitteln. Ihre Transporter seien bis auf den letzten Platz besetzt gewesen, sagt der Informatiker. Als sie losfuhren, rannte ihnen ein Mann hinterher: Eine Mutter mit Babys sowie ihre Schwester benötigten dringend noch einen Platz. „Sie haben sich mit ins Auto gequetscht.“ Ein paar Tage später fuhr der Hilfstrupp wieder zur Grenze, diesmal mit sechs Fahrzeugen, darunter ein Wohnmobil. Jedes Mal hätten sie Menschen mit mehrfacher Behinderung mit zurück genommen, so der Hochschulmitarbeiter.

    Hilfsgüter für die Ukraine Wolf Gero Eggers Hilfsgüter für die Ukraine


    Ein Drittel der Geflüchteten reiste in Deutschland direkt weiter zu Freunden oder Bekannten in anderen Städten. Für andere suchten die Helfer*in nen private Unterkünfte. Auch Studierende aus der Ukraine holten sie nach Berlin. Die Hochschule für Technik habe sofort erklärt, dass sie sich einschreiben könnten. „Die Hochschule ist sehr bemüht, die jungen Menschen zu unterstützen“, sagt Wolf Gero Eggers. „Das ist fantas-tisch.“ Auch viele andere Hochschulen verkündeten, ukrainischen Studierenden eine Fortsetzung des Studiums ermöglichen zu wollen. „Das läuft erfreulich unbürokratisch“, findet er. Allerdings dürfe nicht vergessen werden, dass es sich um schwer traumatisierte Menschen handelt. „Sie haben gerade viel mitgemacht und erst einmal andere Sorgen“, so der Helfer. Nichtsdestotrotz sei sehr wichtig, dass die Studierenden in Deutschland die Möglichkeit erhielten, ihr Studium jederzeit fortzusetzen.


    Kaum waren die Teams von der zweiten Fahrt zurück, erreichte sie erneut ein Hilferuf: Eine Mutter mit ihrem kranken Baby und der Oma mussten dringend an der Grenze abgeholt werden. Also setzen sich zwei Fahrer direkt wieder ins Auto. Wolf Gero Eggers selbst infizierte sich beim zweiten Einsatz mit dem Coronavirus und war erst einmal außer Gefecht gesetzt. Er hätte ohne-hin eine Pause gebraucht, sagt er, „um mich zu sammeln und die Erlebnisse zu verarbeiten.“ Vor ihren Augen spiele sich eine humanitäre Kata - strophe ab. Seine Großmutter habe ihm früher von ihrer Flucht während des Zweiten Welt kriegs erzählt, wie Bomben fielen und Menschen flohen. „Das machen gerade die Menschen in der Ukraine durch.“ Für ihn steht fest, dass er wieder zur Grenze fährt. „So lang es nötig ist.“


    Wer die Hilfsaktion unterstützen möchte, kann sich per Mail mit Wolf Gero Eggers in Verbindung setzen: ukraine-hilfe@cyl.de

    Mehr Infos gibt es hier: https://ukraine.cyl.de

    erschienen im biwifo-Report 01/2022, veröffentlicht/aktualisiert am 27. April 2022

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