Idealer Zeitpunkt für Veränderungen

    23.02.2022
    Tilman Reitz
    © Privat
    Tilman Reitz

    Frist ist nicht nur Frust, sondern fördert auch Abhängigkeiten und schadet der Innovation. Zu dem Ergebnis kommt eine alternative Evaluation des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes, die von ver.di unterstützt wird.

    Interview mit Professor Tilman Reitz vom Institut für Soziologie der Friedrich-Schiller-Universität Jena. 

    Per Gesetz ist eine Evaluation des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes – kurz WissZeitVG – vorgeschrieben. Doch Sie wollen sich nicht auf die offiziellen Ergebnisse verlassen, sondern untersuchen lieber selber die Auswirkungen. Gibt es erste Ergebnisse?

    Fast 5.000 wissenschaftliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben den Fragebogen ausgefüllt. Ihre Antworten zeigen, dass befristete Arbeitsverträge zu sehr viel Missbrauch führen. Wir stellen fest, dass die Abhängigkeit von Vorgesetzten verstärkt wird. Viele geben an, Tätigkeiten für ihre Profs zu erledigen, die sie ohne Befristung nicht übernehmen würden. 

    Oft heißt es von offizieller Seite, Kurzverträge sorgten für mehr Innovation in der Wissenschaft. Was haben Sie dazu herausgefunden? 

    Wenn Mitarbeitende immer wieder Anträge schreiben, mit Verwaltungstätigkeiten beschäftigt sind und Zuarbeit leisten, sind das Indizien dafür, dass es nicht in erster Linie um wissenschaftliche Innovation geht. Ein überraschendes Ergebnis ist für uns auch, wie sehr sich befristete Beschäftigte mit Kritik zurückhalten. Damit haben wir in dem hohen Ausmaß nicht gerechnet. Viele verkneifen sich wissenschaftliche Äußerungen, die ihren Vorgesetzen oder wichtigen Leuten im Fach nicht gefallen könnten. Mitarbeitende auf Qualifikationsstellen haben Nachteile zu befürchten, weil ihr Prof auch ihre Abschlussarbeit bewertet. Damit wird die Diskussionskultur stark eingeschränkt. 

    Was ist noch aufgefallen?

    Vielen fehlt eine dauerhafte Perspektive. Eine Frage lautete: „Was erwarten Sie nach Auslaufen des Vertrags?“ Sehr häufig wurde geantwortet, dass sie erneut auf einen befristeten Vertrag hoffen, an der eigenen Uni oder an einer anderen Hochschule. Viele rechnen auch mit Arbeitslosigkeit. Aber so gut wie niemand erwartet, danach ein unbefristetes Beschäftigtenverhältnis zu erhalten. 

    Welche Auswirkungen hat das auf die Lebenssituation?

    Viele Mitarbeitende mit befristeten Verträgen haben Schwierigkeiten, ihre Arbeit mit Partnerschaft, Familie und Kindern zu vereinbaren. Ihnen bereitet Sorgen, oft den Wohnort wechseln zu müssen und nicht zu wissen, wo sie in drei Jahren sind. Viele fühlen sich in ihrer Lebensplanung beeinträchtigt. Mehrere Wissenschaftlerinnen schrieben, dass ihre Schwangerschaft nicht gerne gesehen wurde. Eine bekam direkt zu hören, sie müsste sich entscheiden: Mutter sein oder Karriere machen. Generell lässt sich sagen, dass Befristungen das private Leben stark einschränken. Die Zukunftsunsicherheit ist groß. 

    Warum haben Sie die Auswirkungen des Gesetzes selbst untersucht und nicht das offizielle Gutachten abgewartet?

    Das erste Gutachten von 2011 war eine Art Gefälligkeitsevaluation. Darin hieß es im Kern: Der Gesetzgeber will befristete Arbeitsverhältnisse ermöglichen – und das hat er geschafft. Auch die Ausschreibung für die zweite Evaluation fragt nicht grundsätzlich, welche Auswirkungen das Sonderbefristungsrecht allgemein auf Wissenschaft und Beschäftigte hat. Das wollten wir jetzt ernsthaft prüfen und haben eine großangelegte Befragung durchgeführt. Wir sind beeindruckt, wie viele daran teilgenommen haben. Schließlich braucht es locker 30 Minuten, um den Fragebogen auszufüllen. Vertreten sind sehr viele Unis und so gut wie alle Fächer, darunter auch einige Professor*innen. 

    Die Bewegung #IchBinHanna hat eine breite Debatte über Befristungen in der Wissenschaft angestoßen. Verbessert sich dadurch langsam etwas an den Hochschulen?

    Ich schätze, dass etwa 70 Prozent der Unileitungen am liebsten weitermachen wollen wie bisher. Sie können nur durch Druck zu Änderungen bewegt werden. Aber 30 Prozent sind durchaus offen für Veränderungen. An einigen Instituten gibt es inzwischen Versuche, Dauerstellen unterhalb der Professur zu schaffen. Das ist allerdings nur in relativ bescheidenem Ausmaß möglich. Jede Dauerstelle ist total umkämpft. Da braucht es starke Professor*innen, die sich sehr für einen einsetzen. Das ist die absolute Ausnahme. 

    Aber immerhin tut sich etwas?

    Es bewegt sich etwas, aber sehr, sehr langsam. Die strukturellen Zwänge sind sehr stark. Das liegt zum einen am hohen Anteil der Drittmittelfinanzierung, die dazu führt, dass die Stellen fast immer befristet sind, gewöhnlich auf zwei bis vier Jahre. Natürlich lässt sich das auch anders gestalten, da in der Regel davon ausgegangen werden kann, dass immer neue Projekte hereinkommen. Eine weitere Hürde ist, dass sich der Wert einer Professur an seiner – in Anführungszeichen – Ausstattung bemisst, also an der Zahl der befristeten Haushaltsstellen, die ihr unterstehen. So lange ein Gesetz diesen Standard nicht ändert, werden die Mitarbeitenden befristet eingestellt. Wir brauchen feste Stellen in den Instituten, die nicht an Professor*innen geknüpft sind. Sonst lässt sich der Anteil der unbefristeten Stellen vielleicht um zehn Prozent steigern, wenn sich alle ganz stark anstrengen – mehr aber auch nicht.

    Das neue Berliner Hochschulgesetz richtet Dauerstellen für Postdocs ein und verbietet sachgrundlose Befristungen. Taugt das Modell als Vorbild für andere Bundesländer?

    Berlin ist ein tolles Beispiel, wie ein Gesetz die unbefristeten Beschäftigungsverhältnisse vorantreiben kann. Doch Berlin ist ein einsames Vorbild – und wird es wohl vorerst auch bleiben. Da ist es eher wahrscheinlich, auf Bundesebene wirkliche Veränderungen durchzusetzen. Mit einer Novellierung des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes stehen die Chancen gut. Dabei geht es darum, nicht nur kurze Befristungen von sechs bis zwölf Monaten infrage zu stellen, sondern festzuhalten, dass der Gedanke der vielen Befristungen grundsätzlich falsch ist. 

    Wie stehen die Chancen?

    In der Debatte hat sich schon viel getan. Stark dazu beigetragen hat #IchBinHanna, aber auch vorher die große Kampagne „Frist ist Frust“ der Gewerkschaften und viele Einzelinitiativen. Das hat Druck aufgebaut. Jetzt ist der ideale Zeitpunkt, um Veränderungen durchzusetzen. Im Frühjahr wird die offizielle Evaluation vorgestellt, bis dahin ist auch unser Gutachten fertig. Wir wollen den Zeitpunkt nutzen, um die Debatte anzuheizen.  

    veröffentlicht am 23. Februar 2022

     

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