»Jetzt oder nie«

28.09.2023

Die Tarifrunde für die 1,2 Millionen Beschäftigten der Länder steht vor der Tür – und an den Hochschulen laufen die Streikplanungen auf Hochtouren. Mit von der Partie sind studentische Hilfskräfte. Sie wollen endlich einen Tarifvertrag durchsetzen. Die Chancen stehen besser denn je.

Auf der Wiese vor der Mensa, in Büros oder im Gang vor den Hörsälen: Kreuz und quer läuft Marian Kirwel durch die Universität in Köln, spricht Studierende an und führt Gespräche. In der Tarifrunde steht für ihn viel auf dem Spiel. »Jetzt oder nie«, sagt der Student. »Wir haben ein goldenes Zeitfenster, um einen Tarifvertrag für studentische Beschäftigte – kurz TVStud – durchzusetzen.« Davon hängt unter anderem ab, ob der 26-Jährige seinen Job behalten kann. Seit ein paar Monaten arbeitet er als studentische Hilfskraft am Institut für Medienkultur und Theater. »Die Arbeit macht mir sehr großen Spaß«, betont Marian Kirwel. »Aber wenn sich für studentische Beschäftigte nicht schnell etwas verbessert, bin ich in ein paar Monaten weg vom Fenster.«

Sein erster Vertrag lief vier Monate, sein aktueller Vertrag ist auf neun Monate befristet. Pro Stunde erhält er zwölf Euro. Damit kommt der Student nicht über die Runden. Er weiß, dass es einen Tarifvertrag für studentische Beschäftigte nicht geschenkt gibt. Deshalb ist er aktiv geworden – und hat mit einem Student von der Technischen Hochschule in Köln hochschulübergreifend wieder eine TVStud-Initiative ins Leben gerufen, wie es sie in vielen Städten gibt.

Seit Monaten bereitet sich die Bewegung auf die Tarifrunde der Länder vor. 11 von 16 Bundesländern hätten sich inzwischen klar für eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen studentischer Beschäftigter positioniert, sagt Marian Kirwel. »Der Spirit ist großartig! Wir haben das Gefühl, dieses Jahr wirklich etwas bewegen zu können. Und wir haben eine konkrete Strategie.« Zum Erfolgsrezept gehören vor allem persönliche Gespräche. Am Anfang zogen Marian Kirwel und ein weiterer Student noch zu zweit über den Campus. TVStud? Damit konnten viele Studierende überhaupt nichts anfangen. Das hat sich geändert. »Unsere Initiative ist schnell gewachsen.« In den Gesprächen werde vielen studentischen Beschäftigten zum ersten Mal bewusst, dass sie nicht fair behandelt werden, berichtet Marian Kirwel. So gilt für sie beispielsweise nur der gesetzliche Anspruch auf 20 Urlaubstage, alle anderen Beschäftigten an der Hochschule haben 30 Tage. Zum Schluss fragt der Student immer: »Was seid ihr bereit, für den Tarifvertrag zu tun?« Die Mehrheit antwortet: streiken! Darauf bereitet sich die TVStud-Initiative in Köln jetzt ganz konkret vor. »Dreiviertel sagen, dass sie mitmachen würden«, sagt der 26-Jährige. Ein Streik der studentischen Beschäftigten würde auch deutlich sichtbar machen: »Ohne uns läuft an Unis nichts.«

 
Marco Depietri ist Italienisch-Dozent an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg

»Wir bereiten uns auf Streiks vor. Absolut. Denn es muss endlich etwas passieren. Gerade beim sogenannten nicht-wissenschaftlichen Personal sind viele am Verzweifeln. Die Arbeit an den Hochschulen ist für sie überhaupt nicht mehr attraktiv: Im Vergleich zur Wirtschaft verzichten sie auf viel Geld – bekommen aber im Gegenzug keinen sicheren Job im öffentlichen Dienst, sondern oft nur befristete Verträge. Ob in der Verwaltung, der IT-Abteilung, in den Sekretariaten oder der Sachbearbeitung: Überall werden die Beschäftigten viel zu schlecht bezahlt, im Verhältnis dazu, was sie tatsächlich leisten.«



 
Paul Bennert ist studentische Hilfskraft an der TU Berlin

»Die Tarifrunde ist ein echter Hoffnungsschimmer. Die Inflation trifft uns alle hart, vor allem die unteren Lohngruppen. Ich selber gehe regelmäßig Blut und Plasma spenden, um einigermaßen über die Runden zu kommen. Die Stimmung in der Hochschule ist kämpferisch. Es ist ein richtig schönes Gefühl, jetzt zusammen auf die Straße zu gehen. Die bundesweite TVStud-Initiative kommt zum perfekten Zeitpunkt – und ist ein Riesenhighlight. Fest steht: Die Streiks werden größer als alle TV-L-Streiks zuvor.«





 
Charlotte Belle-Fejsa ist Verwaltungsangestellte in der Studienadministration an der Universität Heidelberg

 »Die Unzufriedenheit mit den Arbeitsbedingungen ist groß. Die Uni wird für viele Beschäftigte immer unattraktiver. Stellen bleiben unbesetzt, neue Kolleginnen und Kollegen sind schnell wieder weg. Dadurch steigt die Arbeitsbelastung für all jene, die noch da sind. Umso wichtiger ist, dass in der Tarifrunde jetzt anerkannt wird, was die Beschäftigten leisten. Als Zeichen der Wertschätzung gehört dazu eine ordentliche Lohnerhöhung. Das ist auch mit Blick auf die hohen Preise von großer Bedeutung, alles wird immer teurer. Zudem müssen wir aufpassen, dass wir nicht weiter von der Bezahlung im öffentlichen Dienst in den Kommunen abgehängt werden. Doch klar ist: Dafür müssen wir uns selbst einsetzen. Das Potenzial ist groß.«

 

 

Infobox

Für wen wird verhandelt?

In der Tarifrunde verhandeln die Gewerkschaften unter Federführung von ver.di mit den Arbeitgebern der Länder – außer Hessen – für rund 1,2 Millionen Kolleg*innen. Dazu gehören unter anderem Beschäftigte aus Hochschulen, Studierendenwerken, Unikliniken, Straßenbau, Justiz und Finanzbehörden. Zudem fordert ver.di, das Tarifergebnis zeit- und inhaltsgleich auf die 1,3 Millionen Beamt*innen der Länder zu übertragen.

Worum geht es?

Mieten und Lebensmittel sind teuer wie nie, die Inflation weiter hoch. Deshalb gilt es vor allem, dauerhaft höhere Löhne durchzusetzen. Außerdem fordern die studentischen Beschäftigten endlich auch einen Tarifvertrag. Doch ihr bestimmt selbst, für welche Forderung ihr euch einsetzen wollt. Wir sind in der Auseinandersetzung nur stark, wenn sich viele Kolleg*innen beteiligen und für ihre Interessen einsetzen. Bei einer Befragung erklärten bereits zehntausende Beschäftigte, was ihnen besonders am Herzen liegt.

Wann wird verhandelt?

Am 11. Oktober beschließen aktive Kolleg*innen aus den Hochschulen, Behörden und Betrieben in der ver.di-Bundestarifkommission final die Forderungen.

Am 26. Oktober findet die erste Verhandlungsrunde statt.
Am 2./3. November geht es in die zweite Verhandlungsrunde, die dritte ist für den 7./8. Dezember geplant.

zusammen-geht-mehr.verdi.de

 

Tarifbotschafter*in gesucht!

Hast du Lust, Verantwortung in der Tarifrunde zu übernehmen? Dann werde Tarifbotschafter*in! Diese aktiven Mitglieder sind aus erfolgreichen ver.di-Tarifauseinandersetzungen nicht mehr wegzudenken. Sie werden regelmäßig von der ver.di-Verhandlungsspitze über den Stand der Gespräche informiert und halten den direkten Kontakt zu den Kolleg*innen vor Ort.

 

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