Organisieren für den Tarifvertrag

Sophien- und Hufelandklinikum Weimar
07.11.2023

Erst war die Resonanz gering. Bei einer schriftlichen Befragung am Sophien- und Hufelandklinikum Weimar im Mai erklärte zwar die große Mehrheit, sich für eine höhere Bezahlung und bessere Arbeitsbedingungen einsetzen zu wollen. Doch lediglich 88 der rund 850 Beschäftigten des größten konfessionellen Krankenhauses in Thüringen hatten die Fragebögen ausgefüllt. »Tarifvertrag – anscheinend noch nicht«, hieß es deshalb in einem ver.di-Flugblatt. Denn gute Tarifverträge gibt es nur, wenn sich die Betroffenen aktiv dafür einsetzen. 

 

»Wir wollen Einfluss nehmen auf unsere Arbeitsbedingungen, das geht auf dem kirchlichen Dritten Weg nicht. Da können wir nur hinnehmen, was von oben kommt.«

»Nachdem wir das Flugblatt verteilt hatten, erhielt ich plötzlich viele Anrufe«, sagt der ver.di-Sekretär Hannes Gottschalk. »Die einhellige Botschaft: Wir wollen uns auf den Weg machen.« Und das taten die Kolleg*innen dann auch. Sie vereinbarten, dass ver.di den Arbeitgeber zu Tarifverhandlungen auffordert, sobald sich die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder auf 250 verzehnfacht habe. Systematisch gingen die Aktiven durch die Stationen und Bereiche und leisteten Überzeugungsarbeit. »Viele hatten Bedenken. Manche dachten, sie dürften als kirchlich Beschäftigte nicht in der Gewerkschaft sein«, berichtet eine Fachkrankenpflegerin. »Wir haben immer wieder erklärt, dass das ein Grundrecht ist und dass wir gemeinsam etwas erreichen können.«

Vorbild ist unter anderem das Robert-Koch-Krankenhaus im 20 Kilometer entfernten Apolda, wo sich über 60 Prozent der Beschäftigten ver.di angeschlossen und einen Tarifvertrag durchgesetzt haben, der ihnen deutliche Lohnerhöhungen und weitere Verbesserungen beschert. »Das wollen wir auch«, sagt die ver.di-Aktive. »Wir wollen Einfluss nehmen auf unsere Arbeitsbedingungen, das geht auf dem kirchlichen Dritten Weg nicht. Da können wir nur hinnehmen, was von oben kommt.« Ihr persönlich gehe es nicht nur um eine angemessene Bezahlung, sondern vor allem um bessere Arbeitsbedingungen, betont die 36-Jährige.

Beides hängt eng zusammen: Wenn Beschäftigten in Apolda, an der Universitätsklinik Jena oder anderen Krankenhäusern der Region deutlich bessere Bedingungen geboten werden, wandern sie ab. »Deshalb hat auch das Haus ein großes Interesse daran, einen guten Tarifvertrag abzuschließen«, meint die Pflegerin. »Ich hoffe, dass die Kirche das versteht und auf uns zugeht.« Dass die Auseinandersetzung um einen Tarifvertrag bei dem kirchlichen Träger kein Spaziergang wird, sei ihr und ihren Kolleg*innen allerdings bewusst.

Ein Zeichen dafür ist die hohe Bereitschaft, sich zu organisieren. Inzwischen sind 320 Beschäftigte ver.di-Mitglied, womit das selbstgesteckte Ziel noch übertroffen wird. Im Oktober wählten die Gewerkschaftsmitglieder Kolleg*innen aus ihren Reihen in die Tarifkommission. Diese wird im nächsten Schritt Forderungen aufstellen und die Klinikleitung zu Verhandlungen auffordern. Dann ist der Arbeitgeber am Zug.

Daniel Behruzi

 

Dieser Artikel ist im Kirchen.info Nr. 42 erschienen.