»Solidarischer Abschluss in schwierigen Zeiten«

Beschäftigte der baden-württembergischen Unikliniken fordern dauerhaft mehr Geld. Dafür beteiligten sich im Oktober 2.500 Kolleg*innen an Warnstreiks- am Ende steht ein Erfolg.
21.11.2022
Warnstreik am Uniklinikum Ulm Ende Oktober

Während sich der öffentliche Dienst auf die Tarifrunde vorbereitet, sind die rund 26.000 Beschäftigten der Unikliniken Ulm, Tübingen, Heidelberg und Freiburg schon mittendrin. Vor der nächsten Verhandlungsrunde am 1. Dezember ruft ver.di erneut zu Warnstreiks auf. Denn die Arbeitgeber wollen die Beschäftigten vor allem mit Einmalzahlungen abspeisen. »Sie bieten insgesamt 4.200 Euro, das hört sich erstmal gut an«, sagt die Physiotherapeutin Lena Mayr aus der Tübinger Uniklinik, die sich in der ver.di-Verhandlungskommission engagiert. »Einmalzahlungen sind aber nicht nachhaltig. Am Ende stünden wir wieder da, wo wir jetzt sind – und angesichts der Inflation bei deutlich niedrigeren Reallöhnen.«

Die erste Erhöhung der Entgelttabellen um rund sechs Prozent wollen die Klinikleitungen erst im Juli 2024 zugestehen. »Dann hätten wir seit der letzten Lohnerhöhung insgesamt 41 Monate ohne dauerhafte Erhöhung«, sagt Lena Mayr. Unter den Delegierten der Stationsteams und in der ver.di-Tarifkommission sei die Meinung einhellig: »Das geht gar nicht. Wir haben in der Corona-Krise nicht alles gegeben, um jetzt mit dramatischem Kaufkraftverlust bestraft zu werden.«

 
Warnstreik am Uniklinikum Ulm Ende Oktober

Dagegen gehen die Beschäftigten der vier baden-württembergischen Universitätskliniken nun erneut auf die Straße. Ende Oktober hatten bereits mehr als 2.500 Kolleg*innen bis zu drei Tage ihre Arbeit niedergelegt. »Es ist eine tolle Dynamik entstanden«, berichtet die Gewerkschafterin. »Die Leute sind Schlange gestanden, um eine ver.di-Streikweste zu bekommen. Manche kamen mit ausgefüllter Beitrittserklärung zum ver.di-Stand.« Allein in Tübingen unterschrieben im Zuge der ersten Warnstreiks über 140 Beschäftigte einen ver.di-Mitgliedsantrag. Auch an der Uniklinik Ulm ist das Engagement groß. »Es sind eine ganze Reihe junger Kolleginnen und Kollegen aktiv geworden. Die sind super engagiert, das ist echt motivierend«, berichtet die OP-Fachkrankenpflegerin Jana Langer.

Lena Mayr führt die erfolgreiche Mobilisierung auch auf die frühzeitige und intensive Vorbereitung der Tarifrunde zurück. Die ver.di-Aktiven haben die Teams systematisch angesprochen und viele Gespräche mit einzelnen Kolleg*innen und in den Teams geführt. »Das ist ein Schlüssel für die Mobilisierung. Denn wenn man den Leuten erklärt, worum es geht und dass sie selbst aktiv werden müssen, sind die allermeisten dabei. So erreichen wir was.«

 

ver.di erreicht Verhandlungsergebnis für Uniklinik-Beschäftigte

ver.di erreicht Verhandlungsergebnis für Uniklinik-Beschäftigte

Pressemitteilung. Stuttgart, 5. Dezember 2022. Nach insgesamt sieben Warnstreiktagen hat ver.di heute am späten Abend in Stuttgart in einer kurzfristig anberaumten vierten Verhandlungsrunde im Tarifkonflikt für die rund 26.000 Beschäftigten der vier Unikliniken Freiburg, Heidelberg, Ulm und Tübingen ein Verhandlungsergebnis erreicht. Ziel der Gewerkschaft war es, eine dauerhafte Entwertung der Gehälter durch die Inflation zu verhindern. Mit den nun vereinbarten Tabellensteigerungen, die durch den Festbetrag von 250 Euro bis zu maximal zehn Prozent betragen und ab Oktober 2023 wirken, und der mit insgesamt 19 Monaten gegenüber dem letzten Angebot verkürzten Laufzeit wurde ein vor allem für die unteren Einkommensgruppen gutes Ergebnis erreicht. Dazu kommen insgesamt zusätzliche 2.400 Euro Einmalzahlungen, die je zu 1.200 Euro im Dezember 2022 und März 2023 netto ausgezahlt werden, und damit die akuten Belastungen für die Beschäftigten durch drohende Nachzahlungen und Preissteigerungen ausgleichen können.

Irene Gölz, ver.di Verhandlungsführerin: „Dies ist ein hochgradig solidarischer Abschluss in historisch schwierigen Zeiten. Denn je weniger Beschäftigte verdienen, desto mehr sind sie durch die Inflation belastet. Deshalb ist es so wichtig, dass wir sowohl bei den Tabellenerhöhungen als auch bei den Einmalzahlungen ausschließlich Festbeträge vereinbaren und für die Azubis nochmals überproportional Erhöhungen durchsetzen konnten. Wir wollten die Kolleginnen und Kollegen jetzt zum einen für die Reallohnverluste des laufenden Jahres schnell entlasten. Aber auch durch ordentliche Tabellensteigerungen dauerhaft soviel Kaufkraft wie möglich sichern. Dank der nochmals verkürzten Laufzeit können wir nun in gut anderthalb Jahren mit neuer Kraft in hoffentlich besseren Zeiten die dann tatsächlich noch fehlenden Inflationsprozente in Angriff nehmen.“

Das Ergebnis sieht noch im Dezember 2022 eine steuer- und abgabenfreie Coronasonderzahlung in Höhe von 1.200 Euro vor. Im März 2023 gibt es eine Inflationsausgleichszahlung in Höhe von 1.200 Euro, auch brutto für netto. Im Januar 2024 gibt es die tabellenwirksame Erhöhung der Gehälter um einen Festbetrag von 250 Euro, vorher wird im Oktober 2023 mit dem Gehalt eine zusätzliche Einmalzahlung von 750 Euro netto als weitere Inflationsausgleichszahlung gewährt. Die Laufzeit des Tarifvertrages beträgt 19 Monate bis zum 30. April 2024.
Die Azubis erhalten 900 Euro Einmalzahlung 2022 sowie bereits ab April 2023 monatlich 115 Euro netto mehr, die ab dem 1. Mai 2024 mit 150 Euro tabellenwirksam werden.
Für die Sozialarbeiter:innen wurde eine höhere Regeleingruppierung vereinbart, die im Schnitt über 400 Euro mehr im Monat ausmacht.

Martin Gross, ver.di Landesbezirksleiter: „Alle Beschäftigten in allen Branchen kämpfen in diesen Monaten in ihren jeweils anstehenden Tarifrunden gegen die Entwertung ihrer Einkommen. Das heutige Ergebnis bei den Unikliniken kann sich dabei im Rahmen der bisher erzielten größeren und kleineren Abschlüsse im Tarifherbst 2022 sehen lassen. Der harte Kampf in Ulm, Freiburg, Tübingen und Heidelberg hat sich auf jeden Fall gelohnt. Die Azubis haben sich mit ihrem großartigen Engagement in dieser Runde ihre überproportionale Erhöhung selbst erkämpft und mehr als verdient.“

Die Psychotherapeutinnen in Ausbildung erhalten nach mehreren Monaten Tarifkonflikt und etlichen Streiktagen eine auf 300 Euro verdoppelte monatliche Zulage ab Dezember 2022 und für Februar bis November 2022 eine Netto-Einmalzahlung von 3.000 Euro.
Gölz: "Dass die Arbeitgeber weiter prinzipiell darauf bestehen, Beschäftigte mit Masterabschluss im Grunde wie Praktikant:innen zu bezahlen, konnten wir nicht verändern. Psychotherapeutinnen brauchen so weiterhin Eltern, die ihre Ausbildung mitfinanzieren können. Aber wir sind einige Schritte vorangekommen."

Für die vier baden-württembergischen Uniklinika in Ulm, Tübingen, Heidelberg und Freiburg gilt ein eigener, mit dem Arbeitgeberverband Uniklinika abgeschlossener Tarifvertrag, von dem rund 26.000 Beschäftigte an den vier Kliniken betroffen sind. Die Ärzt:innen fallen unter den Tarifvertrag Ärzte Länder, das wissenschaftliche Personal als Landesbeschäftigte unter die Tarifbestimmungen des Landes.

 

Tarifverhandlungen Unikliniken ohne Ergebnis abgebrochen

Tarifverhandlungen Unikliniken ohne Ergebnis abgebrochen – Tarifkommission berät am Montag über mögliches Scheitern der Verhandlungen

Pressemitteilung. Stuttgart, 2. Dezember 2022. Begleitet vom vierten Warnstreiktag in Folge hat am Donnerstag in Stuttgart-Möhringen die dritte Verhandlungsrunde im Tarifkonflikt für die rund 26.000 Beschäftigten der vier Unikliniken Freiburg, Heidelberg, Ulm und Tübingen stattgefunden. Nach zwei Streikwochen mit insgesamt bis zu sieben Tagen Warnstreik haben sich ver.di und der Arbeitgeberverband in 12 Stunden Millimeter für Millimeter aufeinander zubewegt. Ein Abschluss war in greifbarer Nähe. Am Schluss stand für ver.di überraschend ein völlig inakzeptables Angebot des Arbeitgeberverbandes. Deshalb hat die ver.di-Verhandlungskommission beschlossen, die Verhandlungen abzubrechen und in der Tarifkommission am kommenden Montag über ein Scheitern der Verhandlungen zu beraten. Sollte die Kommission am Montag das Scheitern erklären, wird ver.di die Urabstimmung über einen unbefristeten Streik vorbereiten.

Irene Gölz, ver.di Verhandlungsführerin: „Wir sind erschüttert, denn im Kern haben die Arbeitgeber heute zwar am Ende einen einzigen Prozentpunkt mehr angeboten als bisher, aber bei noch längerer Laufzeit und einer Halbierung der Netto-Einmalzahlungen. In Summe haben sie sich keinen Zentimeter bewegt und ignorieren damit die massive Streikbewegung ihrer eigenen Beschäftigten. Jetzt werden wir sehr ernsthaft besprechen, wie wir die fehlende Bewegung in die Verhandlungen bringen können.“

Nachdem gestern bei Kundgebungen in Freiburg über 700, in Heidelberg 900, in Tübingen 500 und in Ulm 250 Beschäftigte, Auszubildende und dual Studierende (mit Delegationen der drei anderen Standorte) teilgenommen hatten, fand heute an den Standorten ein Streikausklang statt.

ver.di hatte 10,5 Prozent, mindestens aber 375 Euro pro Monat bei einer Laufzeit des Tarifvertrages von zwölf Monaten gefordert. Für die Azubis fordert ver.di 200 Euro pro Monat ebenso wie eine bessere Bezahlung der Psychotherapeut*innen in Ausbildung (PiA). Die Arbeitgeber haben heute zum Abschluss Einmalzahlungen von 2.550 Euro statt wie bisher 4.200 Euro sowie sieben Prozent Tabellenerhöhung statt bisher im Schnitt sechs Prozent angeboten. Die Erhöhung kommt zwar früher als im letzten Angebot, die Laufzeit soll aber nun sogar 23 Monate betragen.

Die PiAs kämpfen seit Monaten für eine gerechte Eingruppierung. Die Verhandlungen dazu wurden von den Arbeitgebern in die Entgelttarifrunde mit hineingezogen. Für diese Berufsgruppe gab es heute zum wiederholten Mal kein besseres Angebot.

Gölz: „Die Arbeitgeber wollen offensichtlich an der ungerechten und auch unlogischen Praktikanten-Bezahlung der PiAs nichts ändern. Eine weitere bittere Enttäuschung nach diesem langen Verhandlungstag.“

Für die vier baden-württembergischen Uniklinika in Ulm, Tübingen, Heidelberg und Freiburg gilt ein eigener, mit dem Arbeitgeberverband Uniklinika abgeschlossener Tarifvertrag, von dem rund 26.000 Beschäftigte an den vier Kliniken betroffen sind. Die Ärzt:innen fallen unter den Tarifvertrag Ärzte Länder, das wissenschaftliche Personal als Landesbeschäftigte unter die Tarifbestimmungen des Landes.

 

Psychotherapeut*innen in Ausbildung (PiA)

Zum Auftakt der Tarifverhandlungen für die baden-württembergischen Unikliniken am 11. Oktober machte eine Berufsgruppe auf ihre besondere Situation aufmerksam: Etwa 50 Psychotherapeut*innen in Ausbildung (PiA) demonstrierten vor dem Verhandlungslokal in Stuttgart für eine Eingruppierung entsprechend ihres Grundberufs als Psycholog*innen. Bislang werden sie bei einer 26-Stunden-Woche mit einem Bruttogehalt von 1.385 Euro abgespeist. Mit der geforderten Eingruppierung würde dieser Betrag auf 2.800 Euro verdoppelt. mehr...

 


veröffentlicht/aktualisiert am 5. Dezember 2022

 

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