»Ein Riesen-Fortschritt«

Seit zehn Jahren gilt das Notfallsanitätergesetz. Es hat den Beruf durch eine fundierte Ausbildung aufgewertet und die Versorgungsqualität verbessert.
15.12.2023

Am 1. Januar 2024 wird das Notfallsanitätergesetz zehn Jahre alt – ein Grund zum Feiern, finden in ver.di aktive Kolleg*innen aus dem Rettungsdienst. Denn die damals neue Ausbildung hat den Beruf deutlich aufgewertet. Erstmals konnte eine dreijährige Ausbildung im Rettungsdienst verankert werden. Das ist gut für die Beschäftigten und die Qualität der Notfallversorgung. Doch es bleibt noch einiges zu tun.

 

»Die Ausbildungsreform 2014 bedeutete einen Riesen-Fortschritt, sowohl für die Versorgungsqualität als auch für die Beschäftigungsbedingungen«

Marion Leonhardt, ver.di

»Als ich 1994 meine Ausbildung zum Rettungsassistenten begonnen habe, musste ich noch Geld mitbringen«, erinnert sich Mike Kairies, der heute als Notfallsanitäter im DRK-Kreisverband Ahrweiler arbeitet. 500 Mark Schulgeld musste er monatlich bezahlen. Mit solchen Zuständen hat das Notfallsanitätergesetz Schluss gemacht. Statt Schulgeld zu berappen, erhalten Auszubildende nun eine Vergütung. »Im ersten Jahr geht man mit so um die 1.000 Euro raus«, berichtet Berit Ameskamp, die zwischen 2018 und 2021 beim Bayerischen Roten Kreuz ihre Notfallsanitäterausbildung absolviert hat. »Das ist immer noch nicht viel, im Vergleich zu anderen Berufen aber gar nicht schlecht.« Auszubildende seien daher nicht mehr so stark auf die Unterstützung ihrer Eltern angewiesen und müssten sich auch nicht verschulden, um Notfallsanitäter*in zu werden.

Mehr Kompetenzen, mehr Geld

Auch sonst hat sich bei der Bezahlung im Rettungsdienst einiges getan. »Beim Deutschen Roten Kreuz verdient ein Notfallsanitäter heute monatlich rund 1.700 Euro mehr als ein Rettungsassistent vor zehn Jahren«, rechnet Mike Kairies vor, der sich in der ver.di-Bundestarifkommission beim DRK engagiert. »Das ist weit mehr als die übliche Lohnsteigerung und hat auch mit der Aufwertung des Berufs durch die neue Ausbildung zu tun.« Auch davon abgesehen sei die Reform »absolut sinnvoll«. In der dreijährigen Ausbildung würden deutlich mehr Inhalte vermittelt, neben medizinischen auch rechtliche, kommunikative und viele weitere Kompetenzen. So sind Notfallsanitäter*innen in der Lage, eigenständig heilkundliche Maßnahmen durchzuführen. Und das dürfen sie unter bestimmten Umständen nun auch: Auf Drängen von ver.di hat der Bundestag bei der Ausübung heilkundlicher Maßnahmen 2021 Rechtssicherheit geschaffen. 

 
Rettungsdienstwache

Neben der Dauer der Ausbildung – statt zwei dauert diese nun drei Jahre – haben sich auch die Abläufe geändert. »Früher war man im ersten Jahr in der Schule und im zweiten im Betrieb. Heute wechseln sich Blockunterricht und praktische Einsätze ab, wodurch Theorie und Praxis viel besser verzahnt sind«, erklärt Berit Ameskamp. Zudem sei die Ausbildung bundesweit einheitlicher gestaltet. »Es gibt klare Abläufe, welche Schritte in welcher Situation zu gehen sind, sogenannte Standard Operation Procedures. Sie werden in der Ausbildung intensiv vermittelt und das ist im Sinne einer leitliniengerechten Versorgung absolut zweckmäßig.«

ver.di hatte großen Anteil an der Reform

»Die Ausbildungsreform 2014 bedeutete einen Riesen-Fortschritt, sowohl für die Versorgungsqualität als auch für die Beschäftigungsbedingungen«, bilanziert Marion Leonhardt, die bei ver.di für den Rettungsdienst zuständig ist. Die Gewerkschaft habe einen entscheidenden Anteil daran gehabt, dass das Notfallsanitätergesetz nach jahrelangen Debatten schließlich so beschlossen wurde. »ver.di hatte schon 2004 einen eigenen Gesetzentwurf erarbeitet, der eine dreijährige, qualitativ hochwertige Ausbildung sicherstellen sollte«, berichtet die Gewerkschafterin. »Wir haben sehr auf ein eigenes Berufsbild gedrängt, denn der Rettungsdienst ist keine Assistenztätigkeit.« Nach etlichen Debatten, Gremiensitzungen und öffentlichen Aktionen setzte ver.di ihre Vorstellungen schließlich weitgehend durch. »Darauf sind wir stolz. Und wir wehren uns gegen Versuche, die Uhr zurückzudrehen und das Qualifikationsniveau im Rettungsdienst wieder abzusenken.«

 

»Als erstes müssen die Arbeitszeiten auf ein Normalmaß runter. Dass im kommunalen Rettungsdienst immer noch bis zu 48 Stunden pro Woche gearbeitet wird, ist ein Unding.«

Berit Ameskamp, Notfallsanitäterin

Die im September 2023 veröffentlichten Vorschläge einer Regierungskommission zu den Qualifikationsniveaus im Rettungsdienst könnten dafür ein Einfallstor sein. »Wenn Rettungssanitäter*innen zwölf statt bisher drei Monate ausgebildet werden, aber genauso eingesetzt werden wie bisher, wäre das zu begrüßen«, sagt Mike Kairies. »Wenn diese geringer qualifizierten Kolleginnen und Kollegen allerdings Notfallsanitäter ersetzen sollen, wäre das ein fataler Rückschritt.« So sieht es auch Berit Ameskamp. Sie verweist darauf, dass die geforderten Qualifikationsniveaus für die Besetzung der Rettungswagen in manchen Landesgesetzen heruntergesetzt wurden. »Mit dem Fachkräftemangel ist das nicht zu begründen«, findet die Gewerkschafterin. »Statt die Qualifikation abzusenken, müssen die Bedingungen so verbessert werden, dass die Beschäftigten im Beruf bleiben.«

Arbeitsbedingungen müssen sich verbessern

Doch hier liegt das Problem: Gerade junge Kolleg*innen kehren dem Rettungsdienst häufig nach wenigen Jahren den Rücken. Und Ältere gehen angesichts der hohen körperlichen und psychischen Belastungen oft frühzeitig in Rente. Laut einer ver.di-Befragung gehen nur elf Prozent der Beschäftigten im Rettungsdienst davon aus, bis zum gesetzlichen Rentenalter durchzuhalten. 39 Prozent der rund 7.000 Befragten geben an, sie würden ihren Beruf aufgeben, wenn sie die Möglichkeit dazu hätten.

»Schon jetzt ist der Personalmangel extrem«, berichtet Mike Kairies. »Wir müssen jeden Tag Fahrzeuge abmelden, weil wir sie nicht besetzen können, zum Teil auch für die Notfallrettung. Das ist gefährlich.« Für Berit Ameskamp liegt die Lösung in besseren Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen. »Als erstes müssen die Arbeitszeiten auf ein Normalmaß runter. Dass im kommunalen Rettungsdienst immer noch bis zu 48 Stunden pro Woche gearbeitet wird, ist ein Unding.« Aktuell verhandelt ver.di mit der Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände über die Reduzierung der Höchstarbeitszeiten. Im DRK-Reformtarifvertrag hat die Gewerkschaft bereits erreicht, dass sie bis 2028 auf 42 Stunden abgesenkt werden. »Das ist der richtige Weg«, ist Mike Kairies überzeugt. »Die überlangen Arbeitszeiten müssen weg – auch im öffentlichen Dienst. Sonst gehen die Leute woanders hin.«