Rettungsdienst

    Missstände, die alle angehen

    Rettungsdienst

    Missstände, die alle angehen

    Befragung zeigt hohe Arbeitsbelastung im Rettungsdienst. Zunehmend können Rettungswagen wegen Personalnot nicht eingesetzt werden. ver.di fordert bessere Bedingungen.


    ver.di schlägt angesichts hoher Belastungen und Personalnot im Rettungsdienst Alarm. »Die Arbeitsbedingungen im Rettungsdienst müssen besser werden – viel besser«, sagte ver.di-Bundesvorstandsmitglied Sylvia Bühler am Dienstag (4. Oktober 2022) auf einer Pressekonferenz in Berlin, bei der die Gewerkschaft die Ergebnisse einer Beschäftigtenbefragung präsentierte. Diese zeigen eine Vielzahl von Missständen, die letztlich alle Menschen angehen, denn: »Jede und jeder von uns kann auf schnelle Hilfe, auf einen funktionierenden Rettungsdienst angewiesen sein.«

    Doch dass in Notfällen schnelle und kompetente Hilfe kommt, ist längst nicht mehr überall und immer garantiert. Zunehmend könnten Rettungs- und sogar Notarztwagen nicht eingesetzt werden, weil das Personal fehle, berichtete der Vorsitzende der ver.di-Bundesfachkommission Rettungsdienst, Norbert Wunder. Dies sei ein flächendeckendes, in allen Regionen bestehendes Problem. Die Ursachen sieht er in den zunehmenden Belastungen, die den Beruf unattraktiv machen. »Die Einsätze werden mehr, und sie werden länger«, berichtete Wunder, der in einer Rettungswache in Norddeutschland arbeitet. Weil sich Notaufnahmen wegen Personalmangels abmelden oder Krankenhäuser ganz geschlossen wurden, müssen die Rettungswagen immer weiter fahren. Zugleich steigt die Zahl der Einsätze von Jahr zu Jahr. Die Folge sind regelmäßige Überstunden und wegfallende Pausen. Können Rettungswagen wegen der Personalnot nicht eingesetzt werden, wird der Arbeitsdruck auf die verbliebenen Teams noch größer – ein Teufelskreis.

    Auf der anderen Seite werden die Notfallkräfte immer häufiger zu reinen Krankentransporten gerufen, was Wunder mit Problemen in der ambulanten Versorgung erklärt. Auch dadurch wachse der Frust. Zwar sei die Ausbildung zum/zur Notfallsanitäter*in beliebt, »doch viele Kollegen bleiben nicht lange im Job, weil sie die Belastung nicht ertragen«. Die Corona-Pandemie hat die Situation laut Befragung noch weiter verschärft.

    Rund 7.000 Beschäftigte haben die Fragen beantwortet – eine sehr hohe Zahl, wie Dr. Thomas Krüger vom Umfragezentrum Bonn betonte. Die Erhebung sei hinsichtlich Alter und Geschlecht repräsentativ, die Fragen orientierten sich am wissenschaftlich fundierten und vielfach erprobten Instrument des DGB-Index Gute Arbeit.

    Sylvia Bühler, die den ver.di-Fachbereich Gesundheit, Soziale Dienste, Bildung und Wissenschaft leitet, zeigte sich besonders erschreckt darüber, dass fast jede/r dritte Beschäftigte unter 26 Jahren in den vorangegangenen zwölf Monaten an mindestens fünf Tagen krank zur Arbeit gegangen ist. Bei den über 55-Jährigen gilt das sogar für fast die Hälfte. »Da wird mit der eigenen Gesundheit Raubbau betrieben, um anderen Menschen zu helfen. Es ist beschämend, dass Arbeitgeber das hinnehmen.«

    Der Frust nimmt zu

    Eine entscheidende Maßnahme zur Verbesserung der Situation sieht ver.di in der Verkürzung der überlangen Arbeitszeiten. Dass bei vielen Rettungsdienstbetreibern inklusive Bereitschaftszeiten bis zu 48 Stunden pro Woche gearbeitet werden muss, sei »völlig aus der Zeit gefallen und behindert uns dabei, neue Kollegen zu gewinnen«, sagte Norbert Wunder. Perspektivisch verfolge die Gewerkschaft das Ziel, die Bereitschaftszeiten ganz abzuschaffen, erklärte Bühler. »Sich für den Einsatz bereit zu halten, gehört schließlich zum Wesen des Rettungsdienstes.«

    Im ersten Schritt streitet ver.di für die Reduktion der tariflichen Höchstarbeitszeiten. Im DRK-Reformtarifvertrag ist es ver.di gelungen, diese von 48 auf 45 Stunden pro Woche zu verkürzen. Nun soll der kommunale Rettungsdienst nachziehen und auf 44 Wochenstunden absenken, worüber ver.di mit der Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände (VKA) derzeit Gespräche führt. Von den politisch Verantwortlichen forderte Bühler, dass sie für eine auskömmliche Finanzierung der Rettungsdienste sorgen. Alle Länder sollten die von der EU auch auf Drängen von ver.di beschlossenen Bereichsausnahme nutzen, die es ermöglicht, Rettungsdienstleistungen nicht auszuschreiben, sondern direkt zu vergeben. »Es muss im Rettungsdienst um Qualität gehen – nicht um den niedrigsten Preis!«

    veröffentlicht/aktualisiert am 4. Oktober 2022

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