»Uns reicht es«

Sorgen für saubere Kitas und gutes Essen. Aber werden schlechter bezahlt, als würden sie Fabriken putzen: Das Küchen- und Reinigungspersonal der Elbkinder-Kitas in Hamburg streikt für mehr Lohn.
17.05.2024

Sie malen Plakate, tanzen auf der Straße, tragen symbolisch einen Rotstift zu Grabe – und zeigen richtig viel Mut: Das Küchen- und Reinigungspersonal in den Kitas der Elbkinder in Hamburg streikt für mehr Lohn. „Uns reicht es“, sagt die Hauswirtschaftsleiterin und Betriebsrätin Dagmar Hegermann von der Servicegesellschaft der Elkinder-Kitas, kurz EKSG. Die Kolleginnen – in der Hauswirtschaft arbeiten vor allem Frauen – sorgten Tag für Tag dafür, dass 32.000 Kinder gut versorgt werden: „Sie tragen dafür Sorge, dass die Kitas sauber sind und die Kinder gesundes, leckeres Essen bekommen.“ Doch dafür würden die Hauswirtschaftskräfte mit Niedriglöhnen abgespeist. Und damit nicht genug: Sie verdienten für ihre Arbeit in den Kitas sogar noch weniger, als wenn sie nach dem Mindestlohn für die Gebäudereinigung ein Büro oder eine Fabrik putzen würden.

 
Das Küchen- und Reinigungspersonal der Elbkinder-Kitas in Hamburg streikt für mehr Lohn.

In den Tarifverhandlungen fordert ver.di für die rund 900 Beschäftigten der Servicegesellschaft pauschal 550 Euro mehr Gehalt, plus zwei Regenerationstage. „Die Preiserhöhungen treffen Menschen mit geringem Einkommen am stärksten“, erklärt die Fachbereichsleiterin für Hamburg, Hilke Stein. „Deshalb ist für sie ein Festbetrag so wichtig.“ Die Gewerkschafterin verweist darauf, dass die Beschäftigten der städtischen Unternehmen im Frühling eine Lohnerhöhung von mindestens 340 Euro erhalten haben. „Warum sollen die Kolleginnen aus der Hauswirtschaft erneut benachteiligt werden?“ Viele benötigten Zweit- und Drittjobs, um über die Runden zu kommen. Hilke Stein bezeichnet es als „Skandal“, dass die Stadt Hamburg ihrer Verantwortung als Träger der Elbkinder-Kitas nicht gerecht werde. „Die Servicegesellschaft ist ein Enkelkind der Stadt, zu 100 Prozent.“

 
Das Küchen- und Reinigungspersonal der Elbkinder-Kitas in Hamburg streikt für mehr Lohn.

Die Stadt hat die Reinigung und Küche vor 20 Jahren in eine Servicegesellschaft ausgegliedert. Viele Jahre später machten sich die Hauswirtschaftskräfte auf den Weg, organisierten sich in ver.di und erstritten einen eigenen Haustarifvertrag. „Doch bei den Gehältern sind sie inzwischen weit abgehängt.“ Die Hausarbeiterinnen der Servicegesellschaft erhalten 13,10 Euro pro Stunde – und damit 40 Cent weniger als nach dem Branchenmindestlohn für die Gebäudereinigung. „Dabei müssen sie viel stärker auf Hygiene achten, als wenn sie ein Büro reinigen würden“, führt Hilke Stein an. Schließlich müssten sie auch die Hygienevorschriften einhalten. „Und sie haben Kontakt zu Kindern. In Kitas arbeiten alle Hand in Hand.“

Auch Dagmar Hegermann betont, was die Hauswirtschaftskräfte in den Kitas jeden Tag leisteten: „Das ist harte körperliche Arbeit.“ Sie müssen sich ständig bücken und in die Knie gehen, um die kleinen Toiletten und Waschbecken zu putzen, sich auf niedrige Hochebenen zwängen und vorsichtig um Bauwerke herum staubsaugen. In der Küche schnippeln sie stundenlang frisches Obst und Gemüse, kochen gesundes Essen und berücksichtigen dabei allerhand Unverträglichkeiten und Allergien. Nebenbei trösten sie Kinder, die alleine im Flur sitzen und weinen, und helfen bei Personalmangel auch mal beim Jackenanziehen oder beaufsichtigen kurz eine Gruppe. „Das pädagogische Personal hat eine hohe Krankenquote von bis zu 20 Prozent“, gibt die Betriebsrätin zu bedenken. „Natürlich helfen die Kolleginnen. Unser Motto lautet: Eine Kita, ein Team.“ Die Hausarbeiterinnen fühlten sich total verbunden mit ihren Kitas. „Das ist ein Miteinander.“

Die Frauen leisteten hochwertige qualifizierte Arbeit, betont Dagmar Hagemann. Doch sie erhielten nur Teilzeitverträge, viele lediglich über 10 oder 15 Stunden pro Woche. „Davon kann niemand leben.“ Die Gehälter der Hausarbeiterinnen würden als Sachkosten abgerechnet. „Wie Toilettenpapier“, sagt die Betriebsrätin. „Ich finde heftig, wie mit den Frauen umgegangen wird.“

 
Das Küchen- und Reinigungspersonal der Elbkinder-Kitas in Hamburg streikt für mehr Lohn.

Die gute Nachricht: Die Kolleginnen organisierten sich – und seien wildentschlossen, Verbesserungen durchzusetzen. Bei der Urabstimmung stimmten 97,5 Prozent für Streik. Stück für Stück steigern sie ihre Aktivitäten, in der ersten Woche ein Streiktag, in der zweiten Woche zwei Streiktage, in der dritten Woche legen sie jetzt drei Tage die Arbeit nieder und nächste Woche vier. „Die Stimmung ist richtig gut“, berichtet Dagmar Hagemann. Viele Frauen ergriffen auf Aktionen jetzt von selbst das Mikrophon und schilderten ihre Situation, „richtig mutig und entschlossen.“

Auch Hilke Stein zeigt sich beeindruckt von der „Power“ der Frauen. Dabei seien die Bedingungen für sie wirklich nicht einfach: Die Kolleginnen seien in Kitas über die ganze Stadt verteilt im Einsatz, viele täten sich noch schwer mit der Sprache, seien in prekären Lagen und hätten mit Kindern zu Hause sowie Zweit- und Drittjobs noch ganz andere Sorgen. „Doch sie stecken viel Energie in den Streik und sind superkämpferisch“, betont die Gewerkschafterin. „Das ist großartig.“ Sie fordert: „Die Sparpolitik auf Kosten derjenigen, die am wenigsten verdienen, muss ein Ende haben.“