Tarifvertrag jetzt

Gleiches Geld für gleiche Arbeit: Beschäftigte der Gesellschaft für Sozialarbeit in Bielefeld organisieren sich, um einen Tarifvertrag durchzusetzen.
02.04.2024

Nach ihrem Feierabend in der Kita, im Familienzentrum, in der Schulassistenz, im Ganztag, in der Beratungsstelle oder im Wohnprojekt ziehen Beschäftigte der Gesellschaft für Sozialarbeit (GfS) mit Fahnen und Plakaten durch Bielefeld. Auf der Kundgebung halten sie grüne, blaue und gelbe Hände aus Pappe in die Luft, darauf heißt es: »Ich bin mehr wert« und »Tarifvertrag jetzt«, daneben ein kleines Herz. Die Kolleg*innen der GfS nutzen den bundesweiten Tag der Sozialen Arbeit am 19. März 2024, um auf ihre zentrale Forderung aufmerksam zu machen. »Wir wollen endlich einen Tarifvertrag«, sagt die Erzieherin Türkan Karaca, die bei ver.di aktiv ist. »So kann es mit unserer Bezahlung nicht weitergehen. Sonst finden wir bald überhaupt keine Fachkräfte mehr.« Auch langjährige Kolleg*innen hätten bereits ihren Arbeitsplatz gewechselt, weil sie bei anderen Trägern weitaus mehr verdienen.

 
Beschäftigte der Gesellschaft für Sozialarbeit (GfS) ziehen mit Fahnen und Plakaten durch Bielefeld.

Aber Türkan Karaca möchte nirgendwo anders arbeiten, seit über 20 Jahren gehört sie zum Team. »Ich mag meinen Job«, betont die Erzieherin. »Ich mag die GfS. Und ich mag die Leute.« Auch wenn sie sich selbst manchmal frage, ob sie »total bescheuert« sei: Im Vergleich zum Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst – kurz TVöD – verdiene sie brutto etwa 1.000 Euro pro Monat weniger. »Ich möchte mich nicht zwingen lassen, wegen des Gehalts den Träger zu wechseln«, bekräftigt die Gewerkschafterin. »Vielen Leuten geht es ähnlich. Deshalb setzen wir uns jetzt dafür ein, dass sich etwas ändert.« Ihrer Meinung nach muss gelten: »Gleiches Geld für gleiche Arbeit!«

Für die rund 1.000 Beschäftigten der Gesellschaft für Sozialarbeit in Bielefeld gelten sogenannte Arbeitsvertragsbedingungen. Die Bezahlung sei an den TVöD angelehnt, berichtet Türkan Karaca, allerdings mit einer Klausel: Die Lohnerhöhungen sind an das Betriebsergebnis des Trägers geknüpft. »Das führt dazu, dass die Tarifsteigerungen mal mitgenommen werden, mal nicht.« Die Folge: Inzwischen klaffe eine Riesenlücke zum TVöD. Viele Bewerber*innen seien ganz schnell wieder weg, wenn sie einen Blick auf die Gehaltstabelle werfen, sagt die Erzieherin. »Das führt uns auch immer wieder vor Augen, wie viel weniger wir verdienen.« Hinzu kommt, dass die Beschäftigten die Inflation stark spüren. »Einige kommen mit ihrem Geld kaum noch über die Runden.« In der Schulassistenz gebe es zum Beispiel überhaupt keine Vollzeitstellen.

 
Beschäftigte der Gesellschaft für Sozialarbeit (GfS) ziehen mit Fahnen und Plakaten durch Bielefeld.

Deshalb kam in der Belegschaft die Frage auf, wie die Situation verbessert werden kann. Schnell war klar, dass es dafür die Gewerkschaft braucht. »Sonst können wir nichts durchsetzen.« Der Betriebsrat könne zwar kleinere Verbesserungen erwirken. »Über die Höhe des Gehalts darf der Betriebsrat aber nicht verhandeln«, betont Türkan Karaca, »und hat auch keinerlei Druckmittel.« Sie zweifelt nicht daran, dass sich ihr Vorstand bei den Verhandlungen mit den Kostenträgern ins Zeug legt. »Das ist ein total ungerechtes System: Dass verschiedene Träger für die gleiche Arbeit unterschiedlich bezahlen.« Aber für wirklichen Druck könnten letztlich nur die Beschäftigten selbst sorgen.

Deshalb vereinbarten sie mit der zuständigen ver.di-Sekretärin: Wenn mindestens 30 Prozent der Belegschaft bei ver.di organisiert ist, fordert die Gewerkschaft den Träger zu Tarifverhandlungen auf. »Wir benötigen ja ausreichend Stärke, um im Zweifel auch wirklich etwas durchsetzen zu können«, erklärt die Erzieherin. »Daran arbeiten wir jetzt.« Türkan Karaca und ihre Mitstreiter*innen führen viele Gespräche und sind aktiv. Im Winter riefen sie erstmals zu einer Aktion auf, um die Forderung nach einem Tarifvertrag auf die Tagesordnung zu setzen. Beim Tag der Sozialen Arbeit zeigten sie erneut Flagge. Und sie werden immer mehr. Die Zahl der ver.di-Mitglieder habe sich bereits verdreifacht. »Das reicht leider noch nicht. Aber wir bleiben dran. Wir haben einen langen Atem.«