Tarifrunde öffentlicher Dienst

Fördern und fordern

Warnstreiks zum Frauentag: Beschäftigte aus dem Sozial- und Erziehungsdienst unterstützen täglich andere Menschen. Für sich selbst verlangen sie eine angemessene Bezahlung.
08.03.2023


70.000 Beschäftigte aus dem kommunalen Sozial- und Erziehungsdienst sind zum Internationalen Frauentag am 8. März 2023 zusammen mit feministischen Initiativen und Frauengruppen auf die Straße gegangen. So auch in Hamburg, wo über 2.500 Demonstrierende lautstark durch die Innenstadt zogen. Eine »Super-Kombination« sei das, findet die Erzieherin Claudia Brillinger, die seit 26 Jahren beim Kita-Träger Elbkinder arbeitet. Dass in der frühkindlichen Bildung, in Krankenhäusern, Pflegediensten, in der Behindertenhilfe und der Sozialen Arbeit vergleichsweise schlecht bezahlt wird, habe auch damit zu tun, dass dort überwiegend Frauen tätig sind. »Diesen Zusammenhang machen wir gemeinsam deutlich. Es kann nicht sein, dass sich diejenigen, die sich um andere Sorgen, sich um ihr eigenes Auskommen Sorgen machen müssen.«

 
Die Erzieherin Claudia Brillinger (Mitte) findet es genau richtig, am Internationalen Frauentag zu streiken.

Die Sorgen sind in der Tat groß, insbesondere bei den Kolleg*innen der unteren Lohngruppen. »Für Handwerker, Reinigungskräfte und andere ist es echt hart, die kommen beim Einkaufen nicht mehr gut klar«, sagt Frank Stolzenburg, der in einer Erstaufnahmeeinrichtung des Trägers »Fördern und Wohnen« tätig ist. Er findet die ver.di-Forderung nach einem Mindestbetrag von 500 Euro monatlich besonders wichtig, denn Beschäftigte mit niedriger Eingruppierung würden davon prozentual deutlich stärker profitieren.

Entsprechend groß ist die Bereitschaft, sich dafür einzusetzen. »Im Vergleich zur letzten Tarifrunde hat sich die Zahl der Streikenden vervielfacht«, berichtet der Elektriker Jens Fertsch, der sich in der ver.di-Betriebsgruppe bei »Fördern und Wohnen« engagiert. Binnen weniger Wochen seien bei dem Träger etwa 60 Beschäftigte der Gewerkschaft beigetreten. »Darunter sind einige, die sich Jahre Zeit gelassen haben, jetzt treten sie ein«, ergänzt sein Kollege Frank Stolzenburg, der das auch auf die schlechten Arbeitsbedingungen zurückführt, mit denen Beschäftigte in allen Bereichen konfrontiert sind. In den Erstaufnahmeeinrichtungen nehme die Zahl der Bewohner*innen massiv zu, die des Personals aber nicht. »Auf die Straße zu gehen ist die unsere einzige Chance, uns Gehör zu verschaffen. Und das machen wir jetzt.« Oder, wie es ein Kollege auf sein Schild geschrieben hat: »Wir fördern nicht nur, wir fordern auch!«

 
Die Beschäftigten im Hamburger Sozial- und Erziehungsdienst machen klar, worum es ihnen geht.

Arbeitsbelastung verstärkt die Bereitschaft zum Protest

Auch in anderen Bereichen verstärkt die Belastung die Bereitschaft zum Protest. »An den Arbeitsbedingungen ändert sich seit Jahren nichts, dann wollen wir wenigstens ordentlich bezahlt werden«, findet die Erzieherin Rebekka Franz aus einer Elbkinder-Kita im Hamburger Stadtteil Poppenbüttel. »Wer überfüllte Gruppen, Personalmangel und Bildungsarbeit managt, der verdient auch Managergehalt«, steht auf ihrem selbstgemalten Schild. Die Bezahlung passe einfach nicht zu dem, was die Kolleg*innen täglich leisten müssten, erläutert sie. »Ich kenne niemanden, der mit den Bedingungen zufrieden ist – niemanden!« Obwohl sie erst seit anderthalb Jahren im Beruf ist, fühlt sich Rebekka Franz schon jetzt immer wieder völlig ausgebrannt. Dauerhaft unter diesen Verhältnissen in der Kita zu bleiben, kann sich die Erzieherin nicht vorstellen, weshalb sie darüber nachdenkt, ein Studium aufzunehmen.

 
Die Erzieherinnen Rebekka Franz (rechts) und Andrea Dudeck (links) demonstrieren am 8. März 2023 auf dem Hamburger Gänsemarkt.

Andrea Dudeck, die für die Elbkinder in der Nachmittagsbetreuung einer Schule arbeitet, hadert ebenfalls mit den Arbeitsbedingungen. Eine Kollegin sei für jeweils eine Klasse mit 25 Kindern zuständig. »Aber wenn jemand wegen Urlaub oder Krankheit ausfällt, werden die Kinder aufgeteilt – es gibt keinen Ersatz«, berichtet die Erzieherin. Vor diesem Hintergrund kann sie den Vorwurf von Arbeitgebern, der Streik gehe zulasten der Kinder, überhaupt nicht nachvollziehen: »Was wir täglich machen, geht auf Kosten der Kinder – nicht der Streik!« Andrea Dudeck sieht das auch als Verteilungsfrage: »Das Geld geht immer nur in die Wirtschaft, aber im sozialen Bereich fehlt es. Das darf nicht sein.«

Die unzureichende Bezahlung im Sozialwesen trage dazu bei, dass es immer schwieriger werde, Stellen neu zu besetzen, berichtet Karsten Lombard, der seit 22 Jahren als Fachkraft zur Arbeits- und Berufsförderung (FAB) bei den Elbe-Werkstätten arbeitet. Zumindest müssten die aktuellen Preissteigerungen durch Lohnerhöhungen aufgefangen werden, findet er. Und das nicht nur einmalig, wie es bei den von Bund und Kommunen angebotenen Einmalzahlungen wäre. »Ich sehe nicht, dass die Preise in naher Zukunft nochmal runtergehen, selbst wenn die Inflation nachlassen sollte«, argumentiert Karsten Lombard. »Deshalb muss sich auch das Lohnniveau dauerhaft erhöhen.«

Daniel Behruzi

 

veröffentlicht am 8. März 2023

 

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