mittendrin Nr. 1

    Psychologin mit Praktikantengehalt

    Psychologin mit Praktikantengehalt

    Psychotherapeut*innen in Ausbildung an baden-württembergischen Unikliniken fordern angemessene Bezahlung.


    »Den Patient*innen werde ich als Therapeutin vorgestellt, auf meinem Namensschild steht Psychologin, aber bezahlt werde ich als Praktikantin.« So bringt Annika Rohrmoser ihre Situation auf den Punkt. Sie arbeitet als Psychotherapeutin in Ausbildung (PiA) an der Uniklinik Freiburg. Trotz abgeschlossenem Masterstudium geht sie bei einer 26-Stunden-Woche mit weniger als 1.100 Euro netto nach Hause. In etwa genauso viel muss sie dem klinikeigenen Institut zahlen, bei dem sie den schulischen Teil ihrer Weiterbildung absolviert. »Ohne Nebenjobs oder Unterstützung von Angehörigen wüssten ich und viele meiner Kolleg*innen nicht, wie das gehen soll«, sagt die Psychologin. »Das wollen wir nicht länger hinnehmen.« Deshalb machen sie mit Warnstreiks Druck für einen Tarifvertrag, der eine Entlohnung entsprechend ihres Grundberufs festschreibt.

    Wir sind keine Praktikant*innen privat Wir sind keine Praktikant*innen


    Fast alle treten ver.di bei

    Schon länger treffen sich die Freiburger PiAs wöchentlich zum gemeinsamen Mittagessen, um sich auszutauschen und einander zu unterstützen. Immer wieder Thema dabei: die völlig unzureichende Bezahlung – und was man dagegen tun kann. »Ich habe dann einfach mal eine Mail an info@verdi.de geschickt und unsere Situation geschildert. Am nächsten Tag hat sich ein Gewerkschaftssekretär gemeldet, schon bald haben wir uns mit ihm und einer Kollegin vom Personalrat getroffen«, berichtet Annika Rohrmoser, in deren Leben Gewerkschaften bis dahin keine Rolle spielten. Bei den Gesprächen wurde rasch klar: Wenn sich die PiAs – von denen es an den vier baden-württembergischen Unikliniken insgesamt etwa 120 gibt – Gehör verschaffen wollen, müssen sie sich organisieren. Und das taten sie: Fast alle traten der Gewerkschaft bei.

    Arbeitgeber stellen auf stur

    Mit einer Unterschriftenaktion machten sie ihr Anliegen in Belegschaft und Öffentlichkeit zum Thema. »Ob Oberärztin, Therapeut oder Pflegekraft – in den Teams haben fast alle unterschrieben«, sagt die Psychologin. Denn die Kolleg*innen wüssten, welch verantwortungsvolle Arbeit die PiAs leisten. »Wir machen eigenständig Therapien, die die Kliniken bei den Kassen abrechnen. Doch uns speisen sie mit einem Praktikumsgehalt ab.« Offenbar keinen Einblick hatten hingegen die Arbeitgebervertreter, die bei den Tarifverhandlungen auf stur stellten. »Wir mussten ihnen erst erklären, was wir machen. Gegenargumente hatten sie keine, entgegengekommen sind sie uns trotzdem nicht«, bilanziert Annika Rohrmoser, die die PiAs in der ver.di-Verhandlungsdelegation vertritt.

    Als sich nichts bewegte, traten die PiAs in den Warnstreik – erst einen Tag, Ende Juni dann fünf Tage am Stück. »Das war richtig schön. Wir haben uns jeden Tag ausgetauscht, Aktionen geplant und hatten eine tolle Resonanz in der Öffentlichkeit und in den Medien.«

    Ob die bisherigen Aktionen ausreichen, wird sich in der nächsten Verhandlungsrunde am 22. September zeigen (nach Redaktionsschluss). Falls nicht, wollen Annika Rohrmoser und ihre Kolleg*innen weiter Druck machen. Dabei werden viele von einem Tarifabschluss kaum noch profitieren, weil sie nur anderthalb Jahre an der Uniklinik sind. Warum sie trotzdem weitermacht, erklärt die Psychologin so: »Ich finde das einfach ungerecht, deshalb will ich es ändern – auch für künftige PiAs.«

    Beruf muss allen offenstehen

    Hinzu kommt ein berufspolitisches Argument: Die geringe Bezahlung und die hohen Schulgelder führten dazu, dass sich viele eine Psychotherapieausbildung nicht leisten könnten. »Das ist eine soziale Auslese, die den Anliegen der Psychotherapie schadet. Der Beruf muss allen sozialen Schichten offenstehen. Dafür setzen wir uns ein.«

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