»Absolut unfair«

Tarifbewegung bei der Berliner AWO: Mitte Juli beteiligten sich rund 450 Beschäftigte an einem Warnstreik – so viele wie seit 20 Jahren nicht.
27.09.2023
Berliner AWO-Beschäftigte wehren sich gegen unzureichende Bezahlung.

Sebastian Werner ist sauer. Sein Arbeitgeber, die Berliner Arbeiterwohlfahrt, zahlt dem Erzieher jeden Monat 410 Euro weniger als er in einer kommunalen Einrichtung bekommen würde. »Wir leisten gleich gute Arbeit, werden aber mit viel weniger Geld abgespeist – das ist absolut unfair«, findet er. Diese Ungerechtigkeit treibt Sebastian Werner und seine Kolleg*innen aus den 52 Kitas und den Sozialeinrichtungen der Berliner AWO auf die Straße. Mitte Juli beteiligten sich rund 450 Beschäftigte an einem Warnstreik – so viele wie seit 20 Jahren nicht.

»Die Leute brauchen dringend mehr Geld. Besonders wer Kinder hat und die hohen Mieten in Berlin stemmen muss, kommt nicht mehr über die Runden«, berichtet der Erzieher, der in einer offenen Ganztagseinrichtung arbeitet. Er warnt davor, dass sich der ohnehin bestehende Personalmangel durch die geringe Vergütung noch verschärft. »Die AWO muss bei den Gehältern mithalten, sonst wird sie komplett abgehängt.« Die Anforderungen und Belastungen hätten deutlich zugenommen. »Mehr Kinder, mehr Lärm, höhere Ansprüche, mehr Leistungen, aber nicht mehr Gehalt – das passt nicht zusammen.«

Warum der Erzieher überhaupt noch bei der AWO arbeitet? »Weil mein Team super ist, das hält mich hier. Deshalb will ich bleiben und die Arbeitsbedingungen verbessern«, sagt der 31-Jährige, der sich in der ver.di-Tarifkommission engagiert. Auch viele andere machen mit. Seit Jahresbeginn hat ver.di in den Berliner AWO-Betrieben 140 neue Mitglieder gewonnen. Der Organisationsgrad ist mit etwa 40 Prozent höher als bei anderen sozialen Trägern. Dass die Mehrheit der Belegschaft die Gewerkschaftsforderung nach 13,5 Prozent, mindestens aber 550 Euro mehr im Monat unterstützt, hat sie per Unterschrift kundgetan: Genau 1.229 und damit 61 Prozent der rund 2.000 Beschäftigten haben die »Mehrheitspetition« unterschrieben – ein klares Signal, das der Arbeitgeberverband ernst nehmen sollte. Tut er es nicht und verweigert sich weiterhin konstruktiven Verhandlungen, könnte es schon bald zu neuen Aktionen und Streiks kommen. »Wir sind hoch motiviert, noch mehr zu werden«, stellt Sebastian Werner klar.

 

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