Porträt

»Die Kinder brauchen uns«

09.12.2022

Als Teilhabeassistentin hilft Buket Topac Kindern, gut den Schulalltag zu bewältigen. Sie weiß, wie wertvoll diese Arbeit ist. Deshalb verlangt sie faire Arbeitsbedingungen.

Kathrin Hedtke

 
Buket Topac ist Teilhabeassistentin im südhessischen Kelkheim

Eigentlich wollte Buket Topac nur kurz aushelfen. Die 36-Jährige arbeitete als Küchenhilfe in einer Schule in Kelkheim, als einer der Schüler dort händeringend eine neue Teilhabeassistenz suchte. Der Schüler, dessen Familie aus Syrien geflüchtet ist, tut sich schwer mit dem Lernen und kann den Unterricht ohne individuelle Unterstützung kaum bewältigen. Also begleitete ihn Buket Topac kurzerhand ins Klassenzimmer, stupste ihn jedes Mal sanft an, wenn er in der Stunde vor sich hinträumte, ging mit ihm vor die Tür, wenn ihm drinnen wieder alles zu laut wurde. »Ganz schnell habe ich gemerkt: Genau das ist es«, berichtet die Teilhabeassistentin. Sie übte mit dem 13-Jährigen, beim Rechnen die Finger wegzulassen – und überlegte sich immer neue Tricks, wie sie ihm die Aufgaben auf den Arbeitsblättern anders näherbringen kann.

»Ich habe gesehen, wie wertvoll unsere Arbeit ist«, sagt Buket Topac, »und wie sehr uns die Kinder brauchen.« Auch die anderen Schüler*innen rufen sie um Hilfe, wenn sie etwas nicht verstehen oder falsch gerechnet haben. Um ihren Job so gut wie möglich zu machen, belegt Buket Topac viele Fortbildungen. Sie möchte sich zur Fachangestellten in der Teilhabeassistenz qualifizieren. »Ich will für meinen Beruf gestärkt sein.« In Seminaren lernt sie unter anderem, welche Strategien zur Deeskalation sich bewähren, was Kinder mit Autismus oder ADHS brauchen, wie sich Stress reduzieren lässt und welche Lernmethoden hilfreich sind.

Trotzdem musste die Teilhabeassistentin schlucken, als sie nach den Sommerferien einen neuen Jungen übernahm. Der Elfjährige war bekannt dafür, regelmäßig Ausraster zu haben, andere Kinder wüst zu beleidigen und zu bedrohen. Seit Buket Topac an seiner Seite ist, hat er keinen einzigen Wutanfall mehr gehabt. »Ich bin so stolz, wie gut er sich inzwischen unter Kontrolle hat.«

Beschäftigte fordern Tarifvertrag

Die 36-Jährige ist überzeugt, dass ihr selbst früher eine Teilhabeassistenz gutgetan hätte. Stattdessen verließ sie die Schule ohne Abschluss und jobbte im Einzelhandel. Als Quereinsteigerin erhält sie nun bei der Dienstleistungsgesellschaft (DGT) Taunus 15,50 Euro brutto pro Stunde. Damit sie in den Ferien nicht ganz ohne Geld dasteht, lässt sie sich ihren Verdienst auf zwölf Monate verteilt auszahlen. Ob der Weg mit dem Bus zur Schule, Telefonate mit der Mutter des Schülers oder die Vorbereitung neuer Lernkonzepte: Dafür gibt es keinen Cent. Auch ein viertägiges Grundlagenseminar belegte Buket Topac in den Ferien unentgeltlich.

Doch dann forderte ihr Träger auch noch ganz unverblümt, dass sich die Teilhabeassistent*innen in den Sommerferien arbeitslos melden sollten. Damit ging er zu weit. Buket Topac trat kurzerhand bei ver.di ein und holte die Gewerkschaft ins Boot. Die Teilhabeassistent*innen malten Schilder, demonstrierten vor dem Kreistag – und gründen jetzt einen Betriebsrat. Sie fordern einen Tarifvertrag und faire Arbeitsbedingungen. Ihre Schülerinnen und Schüler im Stich zu lassen, kommt für Buket Topac nicht infrage.

 

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