»Das haben wir verdient!«

27.03.2023

Ob im Altenpflegeheim in Hannover, im Servicebereich im Krankenhaus Köln-Holweide, in der Wäscheversorgung und Hauswirtschaft im Kinderkrankenhaus Köln-Riehl, auf der Rettungswache in Obertshausen oder dem Taubblindenwerk in Hannover: Überall streiken Kolleginnen und Kollegen in der aktuellen Tarifrunde im öffentlichen Dienst für 10,5 Prozent mehr Lohn. Die Bewegung geht querbeet durch alle Branchen, die Beteiligung ist seit Wochen hoch. Viele Betriebe sind zum ersten Mal mit von der Partie. „Für uns ist es der allererste Streik überhaupt“, berichtet Notfallsanitäter Daniel Pfeiffer vom kommunalen Eigenbetrieb Rettungsdienst des Kreises Offenbach. Zwei Notfall-Krankenwagen und ein Rettungswagen bleiben in der Garage stehen, weil Kolleg*innen mit Trillerpfeifen zur Kundgebung in Hanau marschieren. Und auch die Notdienstbesetzung auf den restlichen Fahrzeugen beteilige sich solidarisch mit einem Papierstreik, sagt der Personalrat. Das heißt: Sie tippen keine Daten in die Computer, so dass für die Einsätze keine Rechnungen geschrieben werden können. Gut fühlt sich der Streik an, findet Daniel Pfeiffer. „Und richtig.“

 
Kolleginnen aus Servicebereichen

Das sehen die Kolleginnen aus der Altenpflege, der Behindertenhilfe und den Servicebereichen aus den Krankenhäusern genauso. Sie haben schon öfter gestreikt, aber trotzdem ist die Stimmung in dieser Tarifauseinandersetzung anders, da sind sich alle einig: „Die Entschlossenheit ist größer“, sagt Rosa Guk, Serviceassistentin im Krankenhaus Holweide. Die Kolleg*innen in der Essenausgabe und dem Transportdienst seien aufgrund ihres niedrigen Verdiensts in Entgeltgruppe 3 besonders von der Inflation betroffen. „Wir zählen jeden Cent“, betont Rosa Guk. „Deshalb ist so wichtig, was jetzt passiert.“ Über 90 Prozent in ihrem Team seien Frauen, viele davon alleinerziehend und in Teilzeit. Sie kämen mit ihrem Geld überhaupt nicht mehr über die Runden. „Deshalb muss jetzt dringend etwas passieren“, sagt die Serviceassistentin. „Wir müssen leben.“ Wenn Rosa Guk am Streiktag durch die Stationen im Krankenhaus spaziert und mit den Leuten spricht, schlägt ihr viel Verständnis entgegen. Von vielen Patientinnen und Patienten bekommt sie zu hören: „Das ist richtig so, wir sind bei euch!“

 
Kolleginnen aus der Hauswirtschaft im Kinderkrankenhaus Köln-Riehl

Auch Bahar Gözüdok und Renate Rauch aus der Hauswirtschaft im Kinderkrankenhaus Köln-Riehl streiken selbstverständlich mit. „Unser ganzes Team ist dabei“, sagt Bahar, „nur eine Kollegin muss als Notbesetzung vor Ort bleiben.“ Am Streiktag werden die Stationen nicht mit frischer Wäsche versorgt. Allen sei bewusst, wie wichtig diese Tarifauseinandersetzung sei. „Die Preise steigen stark“, klagt Renate Rauch, „nur unsere Löhne nicht.“ Die Empörung darüber sei groß – die Entschlossenheit auch. Die Inflation mache allen enorm zu schaffen, sagt Bahar Gözüdok. Viele ältere Kolleginnen könnten sich nicht leisten, in Rente zu gehen. „Das geht uns allen sehr nah“, sagt die Hauswirtschaftlerin. Sie ist überzeugt: „Für uns geht es diesmal um viel.“ Renate Rauch kritisiert, dass ihre Arbeit im Krankenhaus nicht richtig geschätzt werde. „Wenn wir nicht wären, hätten die Babys keine sauberen Milchfläschchen und keine frische Bettwäsche“, betont sie. Fest steht: „Wir sind auch wichtig!“ An den Streiktagen stehen sie gemeinsam mit Pflegekräften vor dem Krankenhaus.

 
In der Al­ten­pfle­ge ste­hen die Zei­chen eben­falls auf Strei­k.

In der Altenpflege stehen die Zeichen ebenfalls auf Streik. Mira Zivkovic vom städtischen Anni-Gondro-Pflegezentrum im Eichenpark in Hannover berichtet, dass alle aus ihrem Team dabei sind. „Wir hoffen, dass wir etwas bewegen“, sagt die Pflegekraft. Die Kolleginnen machen sich für eine kräftige Lohnerhöhung stark. Wegen der hohen Inflation. Aber nicht nur. „Immer weniger junge Leute wollen in der Altenpflege arbeiten“, erklärt Mira Zivkovic. Viele neue Pflegekräfte seien spätestens nach einem Monat wieder weg. „Die Bedingungen sind zu hart“, betont sie. „Zu wenig Personal, zu viel Stress, zu wenig Geld.“ Auch deshalb sei diese Tarifrunde von so großer Bedeutung. „Damit wir mehr Personal bekommen.“ Die ver.di-Forderung nach mindestens 500 Euro mehr pro Monat sei vor allem für die unteren Lohngruppen enorm wichtig.

Die Kolleginnen seien entschlossener als in früheren Tarifkonflikten. Hinter ihnen liege eine schwere Zeit, gibt Mira Zivkovic zu bedenken. In der Corona-Pandemie hätten sie unter enorm schlechten Bedingungen gearbeitet. „Viele haben die Sprüche von Wertschätzung satt.“  Die Kolleginnen hätten die Nase voll – und seien überzeugt: „Das haben wir verdient!“ Zumal auch die Bewohnerinnen und Bewohner unter den Bedingungen litten. „Sie leiden, wir leiden, so kann es nicht weitergehen!“

 

„Lieber streiken und etwas für die Zukunft der Behindertenhilfe tun.“

Agnes Gödeke, Heilerziehungspflegerin

Auch in der Behindertenhilfe ist – neben dem Geld – der große Personalmangel für die Kolleg*innen ein wichtiges Argument, um sich am Streik zu beteiligen. „Nur so wird der Beruf attraktiver“, meint Agnes Gödeke aus dem Deutschen Taubblindenwerk in Hannover. „Wir brauchen dringend mehr Geld – und mehr Personal.“ In der Belegschaft gebe es ein großes Bewusstsein dafür, dass sich dringend etwas ändern muss. Einige Kolleginnen schreckten aufgrund des Personalmangels jedoch davor zurück, mitzustreiken. Aus Sorge, die Bewohnerinnen und Bewohner im Wohnheim alleine zu lassen. „Das ist sehr kurzfristig gedacht“, findet die Heilerziehungspflegerin. „Lieber streiken und etwas für die Zukunft der Behindertenhilfe tun.“ Das sehen zum Glück viele so. Mehrere Tagesgruppen für Kinder bleiben wegen des Streiks geschlossen.

 
Daniel Pfeiffer

Auf der Rettungswache in Obersthausen im Kreis Offenbach reden sich Daniel Pfeiffer und seine ver.di-Mitstreiter*innen seit Wochen den Mund fusselig. „Damit klar wird, um was es geht“, sagt der Notfallsanitäter. Natürlich in erster Linie ums Geld. „Aber am Ende geht es auch darum, zu zeigen, dass wir bereit sind, für unsere Sache einzustehen – und ein Zeichen zu setzen.“ Im Rettungsdienst sorgen vor allem die überlangen Arbeitszeiten für viel Frust: Inklusive Bereitschaftsdienste müssen die Einsatzkräfte bis zu 48 Stunden pro Woche arbeiten. Auch wenn die Arbeitszeiten nicht direkt Thema der Tarifrunde seien, so Daniel Pfeiffer. „So kommt es jetzt darauf an, Stärke zu zeigen.“ Und genau das tun die Einsatzkräfte aus dem Kreis Offenbach. Jahrelang habe sich hartnäckig das Gerücht gehalten, der Rettungsdienst dürfe nicht streiken, weil das angeblich unterlassene Hilfeleistung sei. „Blödsinn“, betont der Sanitäter. Natürlich gilt das Streikrecht auch im Rettungsdienst genauso wie im Krankenhaus, eine Notdienstbesetzung wird sichergestellt. In den letzten Wochen hätten sie viel Aufklärungsarbeit geleistet, viel geredet – und neue Mitglieder für ver.di gewonnen, berichtet Daniel Pfeiffer. Zum allerersten Mal beteiligt sich die Rettungswache am Streik. „Das ist auf jeden Fall ein guter Anfang.“

 

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