Ausbildung

    Reform der Physiotherapie-Ausbildung

    Reform der Physiotherapie-Ausbildung

    Keine Frage, eine Reform ist längst überfällig: Das Berufszulassungsgesetz für die Berufe in der Physiotherapie ist fast 20 Jahre alt. Die Bedingungen müssen dringend verbessert werden, um dem Fachkräftemangel entgegen zu wirken. Deshalb ist es gut, dass die Bundesregierung die Reform in Angriff nimmt. Doch jetzt kommt es darauf an, dass auch die Richtung stimmt. Wichtig ist, dass beide Berufe – sowohl die Physiotherapeut*innen als auch die Masseur*innen/medizinische Bademeister*innen – eigenständig bleiben und weiterentwickelt werden. Dafür braucht es ein Gesamtkonzept. Im Fokus stehen muss die Frage, wie die Patient*innen bestmöglich versorgt werden. Daraus lässt sich ableiten, wie die Ausbildungen organisiert – und wo sie verortet werden. Im Gespräch ist eine sogenannte Teilakademisierung. Demnach sollen künftig die Ausbildungen an der Fachschule und an der Hochschule „nebeneinander“ zu zwei Berufen in der Physiotherapie führen, mit unterschiedlichen, klar abgrenzbare Kompetenzen. Dieser Vorschlag überzeugt nicht. Wir haben Kolleginnen aus der Praxis gebeten, darzulegen, worauf es ihnen bei der Reform besonders ankommt.

    Sa­bi­ne Sey­fer­t-Hell­wig privat Sa­bi­ne Sey­fer­t-Hell­wig

    „Es gibt die klare Tendenz, unsere Ausbildung an die Hochschulen zu verlagern. Das bereitet mir große Sorgen. Prinzipiell kann es für Physiotherapeut*innen im Beruf durchaus sinnvoll sein, durch ein Studium noch zusätzliche Kompetenzen zu erwerben. Das gilt, wenn sich jemand mit einer eigenen Praxis selbstständig machen möchte, eine Leitungsposition anstrebt, in der Forschung arbeiten oder unterrichten möchte. Ich habe selbst nach meiner Ausbildung noch Pädagogik studiert. Das macht total Sinn. Denn zum Unterrichten benötige ich Wissen, das in der Ausbildung nicht vermittelt wird. 

    Doch wie es im Moment aussieht, ist zu befürchten, dass die Reform der Ausbildung von Masseur*innen und Physiotherapeut*innen vor allem auf den Einsatz von Hilfskräften abzielt. So ist vorgesehen, dass Physiotherapeut*innen mit Hochschulabschluss die übergeordnete Planung und Steuerung der Therapie für die jeweiligen Patient*innen übernehmen. Das heißt: Masseur*innen oder Physiotherapeut*innen mit Berufsausbildung führen aus, was ihre akademisch ausgebildeten Kolleg*innen geplant haben. Diesen Gedanken finde ich fürchterlich. Dadurch wird ihnen die Kompetenz abgesprochen, eigene Befunde zu erheben oder einen Therapieplan zu erstellen. Sie sollen als billige Arbeitskräfte herhalten, die nur noch Weisungen ausführen. Solche Pläne gehen definitiv in die falsche Richtung. Viel sinnvoller wäre, wenn alle grundständig die Ausbildung machen – und wer seine Kompetenzen über den eigentlichen Beruf erweitern möchte, kann sich im Studium spezialisieren.“  

    Sabine Seyfert-Hellwig, Physiotherapeutin

    Petra Bierlein privat Petra Bierlein

    "Ich finde super, dass die Ausbildung der therapeutischen Berufe endlich in den Blick genommen wird. Zum Glück haben unsere Azubis vor ein paar Jahren zusammen mit ver.di erkämpft, dass sie kein Schulgeld mehr bezahlen müssen. Das ist ein Fortschritt, reicht aber noch nicht. Wir brauchen dringend eine tariflich geregelte Ausbildungsvergütung. Bis jetzt erhalten die allermeisten Azubis während ihrer dreijährigen Ausbildung keinen Cent.

    Die Forderungen nach einer Akademisierung der Ausbildung sehe ich eher skeptisch. Ganz wichtig ist, dass weiterhin der Zugang für Menschen ohne Abitur möglich bleibt. In Einzelfällen kann durchaus Sinn machen, dass Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten sich im Masterstudium auf Forschung und Wissenschaft oder auf bestimmte Krankheitsbilder spezialisieren. Für mich ist dabei zentral, dass dieser Studiengang allen offen steht – also auch jenen mit einem Berufsabschluss von der Fachschule. Zudem sollten wir unbedingt erst einmal klären, wie groß der Bedarf ist. Sonst werden falsche Erwartungen geweckt. Wenn es in der Praxis überhaupt nicht so viel Verwendung für die studierten Fachkräfte gibt, ist der Frust groß. Denn Fakt ist: Wir brauchen vor allem Physiotherapeut*innen, die am Patienten arbeiten. Das lässt sich durch nichts ersetzen. Und dafür ist die Ausbildung in der Fachschule ideal. 

    Bei einer Reform muss die Versorgungsqualität im Fokus stehen. Wichtig ist, dass die einzelnen Schritte bei der Therapie nicht zerstückelt werden. Für den Heilungsprozess ist es förderlich, dass alles in einer Hand bleibt. Mir liegt auch am Herzen, dass der Beruf der Masseur*in/ medizinischen Bademeister*in beibehalten wird. Sie sind in ihrem Bereich echte Expert*innen mit eigenständigem Wissen. Wir brauchen sie als Fachleute, nicht als Assistenzkräfte."

    Petra Bierlein, Physiotherapeutin

    veröffentlicht/aktualisiert am 2. September 2022

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