Mitbestimmen und Gestalten

01.07.2024

Was bedeutet Selbstverwaltung für dich?

Selbstverwaltung bedeutet für mich, dass wir – die Versicherten bei der BGW – neben den Arbeitgebervertreter*innen, maßgeblich an der Gestaltung und Verwaltung der Berufsgenossenschaft beteiligt sind. Wir nehmen unser Mitspracherecht wahr, bringen unsere betrieblichen Erfahrungen ein und haben Einfluss auf die Entwicklungen und Entscheidungen. So können wir die Interessen der Versicherten bestmöglich vertreten. Unser Fokus liegt darauf, die betriebliche Gesundheitsprävention zu stärken. In diesem Sinne haben wir kürzlich auf der Vertreterversammlung unser Schwerpunktprogramm 2023 bis 2029 beschlossen.

 
Nadia Rezgui ist für ver.di Mitglied in der Vertreterversammlung der Berufsgenossenschaft und Wohlfahrtspflege (BGW) und Vorsitzende des Haushalts- und Satzungsausschusses der BGW. Zugleich ist sie stellvertretende Vorsitzende der MAV (Mitarbeitervertretung).

Konntest du bereits konkrete Verbesserungen für deine Kolleg*innen im Betrieb erreichen?

Ja und das war für mich ein Aha-Effekt: Ich als Einzelperson kann tatsächlich bundesweit etwas bewegen. Ich arbeite in der Kinderbetreuung und während der Pandemie hieß es immer, bei uns gebe es keine oder kaum Covid-Infektionsfälle durch den Beruf. Ich dachte mir, das kann doch nicht sein; bei uns im Bereich gibt es massenhaft Ansteckungen, das muss doch bundesweit genauso sein.

Also hakte ich nach. Es stellte sich heraus, die Einrichtungen wussten nicht, dass sie COVID-Infektionen an die Berufsgenossenschaft melden müssen. Nun belegen wir hinter Krankenhaus und Altenpflege Platz drei bei den anerkannten Berufskrankheiten wegen Covid-19. So haben wir zumindest eine Beweiserleichterung, wenn es um die Anerkennung geht. Das ist der eine Punkt.

Mein zweiter Erfolg war, dass ich meinen Arbeitgeber davon überzeugen konnte, die BGW aktiv einzubeziehen. Jetzt kam sogar BGW mobil zu uns. Das ist ein Beratungstruck. Er fährt zu einzelnen Einrichtungen; die Mitarbeiter*innen dort können sich informieren und bekommen Tipps für die Gesundheitsprävention an ihrem Arbeitsplatz. Viele Kolleg*innen kennen die Angebote und den Versicherungsschutz der BGW noch nicht gut genug, deshalb ist es wichtig, diese breit bekannt zu machen.

Was sind aktuell die heißen Themen bei euch im Ausschuss?

Ich bin im Haushalt- und Satzungsausschuss. Der Haushalt, den wir beraten haben, hat ein Volumen von ca. 1,4 Milliarden Euro. Unsere Ausgabenschwerpunkte sind die Leistungsausgaben im Versicherungsfall, die sogenannten Entschädigungsleistungen für die Rehabilitation. Da geht es noch immer um Reha-Leistungen aufgrund von COVID-19-Erkrankung. Aber auch für die Prävention wird viel Geld aufgewendet.

Ein weiterer Fokus liegt auf dem Bau des neuen großen und modernen Präventionszentrum in Hamburg und in den Sanierungen des BGW eigenen Gebäuden.

Was möchtest du in Zukunft für deine Kolleg*innen in den Betrieben erreichen?

Ich möchte unbedingt weiter vorantreiben, dass mein Arbeitgeber sich rund um die BGW mehr informiert und engagiert. Allgemein finde ich es wichtig, dass berufsbedingte Erkrankungen anerkannt werden. Denn auch im pädagogischen Bereich gibt es viele Risiken: Psychische Erkrankungen infolge von beruflicher Überlastung zum Beispiel, Bandscheibenvorfälle oder auch Hörschäden. Seit einiger Zeit fällt mir auf, dass ganz viele Kolleg*innen schon mit 40 Jahren Hörgeräte tragen. Das muss geprüft werden: Liegt das vielleicht am Lärmpegel?

Oder der Klassiker, die kleinen Stühle. Wir haben jetzt zwar Erzieherstühle, aber bei uns passen die nicht unter die Tische. Also sitzen wir dann doch wieder auf den Kinderstühlen... Der Vorteil der Anerkennung von Berufskrankheiten liegt darin, dass die Leistungen bei früherem Renteneintritt aufgrund dessen deutlich höher sind. Ich bin auch in der Mitarbeitendenvertretung und dort sagen wir den Kolleg*innen immerzu, sie sollen Unfallanzeigen stellen, wenn sie gesundheitliche Schädigungen bei sich entdecken, die auf die Arbeit zurückzuführen sind. Nur so können wir die Problematiken sichtbar machen.

Was bewegt dich, dich genau in diesem Ehrenamt zu engagieren?

Dass ich auf Augenhöhe mitentscheiden und so direkt von der Basis und über ver.di aus Dinge anschieben und verbessern kann. Das Renteneintrittsalter wird erhöht. Wir sollten gesund durch die Arbeitszeit kommen, damit wir noch was von unserer Rente haben. Das ist mir wichtig. Es ist wirklich erschreckend, wie viele Menschen schon in den letzten Jahren der Berufstätigkeit nicht mehr richtig können. Oder sie sind gerade in Rente und dann beginnen die Krankheiten. Das darf nicht sein.

 

Selbstverwaltung BGW

Kontakt

  • Dietmar Erdmeier

    Be­rufs­ge­nos­sen­schaft Ge­sund­heits­dienst und Wohl­fahrts­pfle­ge (BGW), Ar­beits- und Ge­sund­heits­schutz

    030/6956-1815