Klinikpersonal entlasten

    »Wir stehen solidarisch an ihrer Seite«

    »Wir stehen solidarisch an ihrer Seite«

    Öffentliche Krankenhäuser - Kämpfe um Entlastung gehen alle an
    Porträtbild privat Ingrid Reidt ist katholische Betriebsseelsorgerin im Bistum Mainz und arbeitet in der Arbeitnehmer*innen- und Betriebsseelsorge Südhessen in Rüsselsheim.


    Die Katholische Betriebsseelsorge Südhessen engagiert sich im Frankfurter Bündnis für mehr Personal im Krankenhaus, das die Tarifbewegung für Entlastung an der Uniklinik in Frankfurt am Main unterstützt. Warum ist die Betriebsseelsorge mit dabei?

    Als Betriebsseelsorger*innen begleiten wir Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer aller Branchen und stehen solidarisch an ihrer Seite. Die Existenzsicherung der Kolleg*innen, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie der Gesundheitsschutz sind dabei für uns zentrale Themen. Mit größter Sorge verfolgen wir daher die Entwicklungen im Gesundheitssektor und die dramatische Situation der Beschäftigten. Sie leisten mit hoher Professionalität einen unabdingbaren Dienst an kranken und alten Menschen und sind unverzichtbar für unsere Gesellschaft. Sie verdienen endlich umfängliche Wertschätzung. Und: Es bedarf Rahmenbedingungen, die würdige Pflege und würdige Arbeit jetzt und zukünftig sichern. Die gegenwärtige Lage in den Kliniken wirft ernsthafte gesellschaftliche Fragen auf. Als Betriebsseelsorger*innen benennen wir strukturelle Missstände und setzen uns gemeinsam mit anderen für Veränderungen ein. Es ist uns wichtig, die Belegschaft der Uniklinik Frankfurt in ihrem Kampf für Entlastung zu unterstützen. Im Juni haben wir als Betriebsseelsorge Deutschland bereits den Beschäftigten der Unikliniken in NRW unsere Solidarität ausgesprochen.

    Die Beschäftigten von Charité und Vivantes in Berlin und in den sechs nordrhein-westfälischen Universitätskliniken haben zuletzt wochenlang für Tarifverträge zur Entlastung gestreikt – letztlich mit Erfolg. Jetzt haben sich die Beschäftigten in Frankfurt am Main auf dem Weg gemacht, ihnen zu folgen. Worauf führen Sie die zunehmende Bewegung an den Krankenhäusern zurück?

    Die Arbeitsbedingungen in den Kliniken haben sich in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten permanent verschlechtert. Dagegen wehren sich immer mehr Beschäftigte. Sie fordern Bedingungen, bei denen sie den eigenen Ansprüchen an ihre Arbeit gerecht werden können und streiken zu Recht! Sie zu hören und zu stärken, ist mir wichtig. Derzeit sind es vor allem die Beschäftigten großer Krankenhäuser wie der Universitätskliniken, die mit Streiks für Entlastung Aufmerksamkeit erregen. Indem sie auf die Straße gehen, setzen diese Belegschaften wichtige Zeichen. Wenn damit Ergebnisse erzielt werden, regt das sicher auch andere an, für ihre Belange einzutreten.

    Als Betriebsseelsorger*innen bekommen Sie viel mit, was in den Betrieben los ist. Wie schätzen Sie die Situation ein?

    Viele Pflegekräfte leiden daran, dass sich ihr Anspruch an die eigene Profession zunehmend mit der Wirklichkeit auf den Stationen beißt. Personalmangel und Zeitnot lassen es einfach nicht zu, die Menschen ganzheitlich so zu pflegen, wie man es möchte und gelernt hat. Kolleg*innen verlassen ihren Pflegeberuf fluchtartig – nicht, weil sie ihn nicht mehr mögen, sondern weil sie ihn nicht so machen können, wie sie es für verantwortbar halten. Das ist ein Alarmzeichen an alle Verantwortlichen in Gesellschaft und Politik.

    Auch ist es wichtig, alle Beschäftigten im Gesundheitssystem im Blick zu haben – so auch Reinigungskräfte, die Angestellten in der Verwaltung im Transport etc. Ohne sie funktioniert das System Krankenhaus nicht. Sie alle leiden unter dem Primat harter marktwirtschaftlicher Kriterien, denen unser Gesundheitswesen unterworfen wurde. Wenn wir eine gute Pflege und Versorgung wollen – für die Menschen und die Gesellschaft – dann muss sich das System grundlegend ändern.

    veröffentlicht/aktualisiert am 3. Oktober 2022

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