JAVengers in Aktion

Teilnehmende der JAV-Konferenz berichten über Held*innentaten im Betrieb, diskutieren Inhalte und tragen ihre Forderungen in die Öffentlichkeit.
25.06.2024

Die JAV-Konferenz vom 10. bis 12. Juni 2024 in Wernigerode in Sachsen-Anhalt war nicht nur ein Treffen von Jugend- und Auszubildendenvertreter*innen aus dem Gesundheits- und Sozialwesen. Es war eine Versammlung von mehr als 130 Held*innen. »Es sind die JAVen, die sich zusammen mit den betrieblichen Interessenvertretungen und ver.di für gute Ausbildungsqualität und bessere Arbeitsbedingungen einsetzen – das ist absolut heldenhaft«, erläuterte die Gesundheits- und Krankenpflegerin Franziska Aurich von der Berliner Charité das Konferenzmotto: »JAVengers – Held*innentaten im Betrieb«.

 
JAV-Konferenz 2024 in Wernigerode

Und für solche »Held*innentaten« gab es etliche Beispiele. So berichtete Martin Voß aus der Helios-Klinik Sangerhausen von einer dort verhandelten Betriebsvereinbarung zur praktischen Ausbildung. »Wir wollten Missstände beseitigen, wie sie im Ausbildungsreport Pflegeberufe sichtbar werden, zum Beispiel das Stationshopping«, erklärte der Jugendvertreter. Außerplanmäßige Einsätze der Auszubildenden müssen seither vom Betriebsrat genehmigt werden. Im ersten und letzten Halbjahr der Ausbildung sind sie gänzlich ausgeschlossen. Zudem enthält die in Sangerhausen erzielte Betriebsvereinbarung – für die die JAV den Betriebsrätepreis 2022 gewann –unter anderem Regelungen für frei verplanbaren Urlaub sowie die Möglichkeit für Lehrkräfte, in der Praxis zu hospitieren. Gute Ausbildungsbedingungen trügen dazu bei, dass junge Beschäftigte nach ihrer Ausbildung im Betrieb bleiben, betonte Martin Voß. Davon profitierten alle.

Janik Bohny vom Uniklinikum Gießen und Marburg (UKGM) erklärte, dass der 2023 mit einem dreiwöchigen Streik durchgesetzte Tarifvertrag Entlastung auch die Ausbildungsbedingungen verbessert. So wurden an dem hessischen Universitätsklinikum für alle Auszubildenden Mindestanteile für die Praxisanleitung festgeschrieben. »Ausbildungsqualität und Entlastung – das eine funktioniert nur mit dem anderen«, stellte der Jugendvertreter klar. Eine gute Ausbildung führe zu mehr Fachkräften, die für Entlastung sorgen könnten. Bohny betonte, dass sich die Auszubildenden für ihre Belange organisieren und Gehör verschaffen müssten, um etwas zu verändern – wie am UKGM geschehen.

 
JAV-Konferenz 2024 in Wernigerode

Was genau gute Ausbildung ausmacht, hat Nico Baumann in seiner Bachelor-Arbeit untersucht. Auf der JAV-Konferenz berichtete der ver.di-Jugendsekretär über die von ihm entwickelten Kriterien, mit denen Ausbildungsqualität gemessen werden kann – darunter eine gute Work-Life-Balance, ausreichend Zeit zur Regeneration, verbindliche Ausbildungspläne und strukturierte Praxisanleitung. Letztere ist auch in einem Tarifvertrag Ausbildungsqualität an den Unikliniken in Baden-Württemberg geregelt. Die bereits vor einigen Jahren geschlossene Vereinbarung werde gut umgesetzt, berichtete Nina Hermann aus Heidelberg.

Aktuell streitet ver.di an den vier südwestdeutschen Unikliniken für weitere Verbesserungen. So sollen künftig 25 Prozent der Praxisphasen für strukturierte Anleitung zur Verfügung stehen – und das nicht mehr nur in der Pflege, sondern auch für Auszubildende in der Physiotherapie und bei Medizinischen Technolog*innen. Zudem soll die Freistellung der Praxisanleiter*innen verbessert werden. Die Konferenz sandte solidarische Grüße an die Kolleg*innen in Baden-Württemberg, die für diese und weitere Ziele bereits mehrfach in Warnstreiks getreten sind.

 
JAV-Konferenz 2024 in Wernigerode

Sylvia Bühler vom ver.di-Bundesvorstand ermutigte die Auszubildenden, sich laut- und sichtbar für ihre Interessen einzusetzen. Das stehe keineswegs im Widerspruch zu Tätigkeiten, bei denen es um das Wohlergehen anderer Menschen geht. »Ihr könnt auch für die Menschen, die euch anvertraut sind, viel mehr erreichen, wenn es euch selbst gut geht und ihr gute Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen habt«, so die Gewerkschafterin.

Als Beispiel nannte sie den erfolgreichen Kampf von betrieblich-schulischen Auszubildenden für eine tarifvertragliche Bezahlung. Betroffene Auszubildende aus den Unikliniken in Nordrhein-Westfalen hatten den Missstand fehlender Ausbildungsvergütung unter dem Hashtag #unbezahlt zunächst innerhalb von ver.di und dann in den Tarifrunden des öffentlichen Dienstes zum Thema gemacht – mit Erfolg. In den Ländern und Kommunen, inzwischen aber auch in etlichen privaten Krankenhäusern haben Medizinische Technolog*innen, Physio- und Ergotherapeut*innen, Diätassistent*innen, Orthoptist*innen und Logopäd*innen Anspruch auf eine tarifliche Ausbildungsvergütung.

 

Nicht nur in Tarifverhandlungen, auch berufspolitisch nehme ver.di in enger Kooperation mit den Beschäftigten und Auszubildenden Einfluss, betonte Bühler. Diese Aktivitäten hätten großen Anteil daran, dass im OTA/ATA-, im MT-Berufe- sowie im Pflegeberufegesetz Mindestquoten für die Praxisanleitung verankert wurden. Aktuell setze sich ver.di für mehr Kompetenzen für Pflegefachkräfte ein, sowie für attraktive und einheitliche Tarifregelungen für Pflegestudierende. »Es lohnt sich: Setzt die Themen, die euch wichtig sind«, appellierte Bühler an die versammelten Kolleg*innen. »Lasst uns gemeinsam für gute Ausbildungsbedingungen streiten.«

In diesem Sinne beschlossen die Teilnehmenden der JAV-Konferenz eine Resolution an die zeitgleich in Lübeck-Travemünde stattfindende Gesundheitsministerkonferenz. Darin forderten sie unter anderem einheitliche Ausbildungsstandards und eine geplante, strukturierte Praxisanleitung im Umfang von mindestens 30 Prozent, aber auch bedarfsgerechte Personalvorgaben und ein Ende von »Ökonomisierung und Profithascherei in der gesellschaftlichen Daseinsvorsorge«. Um ihre Forderungen bei der Gesundheitsministerkonferenz sichtbar zu machen, übergaben sie ein Banner an Sylvia Bühler, die es nach Lübeck-Travemünde mitnahm. Vor Ort zogen die Auszubildenden in einem lautstarken Demonstrationszug durch Wernigerode. »Super Stimmung, klare Botschaften, viel gelernt«, bilanzierte Christoph Springer, JAV-Mitglied an der Charité. »Die JAV-Konferenz war richtig klasse. Wir sind für weitere Held*innentaten bereit.«

 

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