Jugend

    JAV, wir schaffen das!

    JAV-Konferenz

    JAV, wir schaffen das!

    Jugend- und Auszubildendenvertretungen aus dem Gesundheits- und Sozialwesen machen sich bei der JAV-Konferenz in Kassel fit für eine wirksame Interessenvertretung im Betrieb.


    Hier wird hart gearbeitet – und ordentlich vernetzt. Die etwa 125 Teilnehmer*innen der JAV-Konferenz vom 1. bis 3. Juni in Kassel lassen keine Baustelle unbearbeitet. Ob strukturierte Praxisanleitung, freie Urlaubsplanung oder Stationshopping – es kommen all die Themen zur Sprache, die den Auszubildenden im Gesundheits- und Sozialwesen unter den Nägeln brennen. Doch es geht nicht nur ums Reden, es soll gehandelt werden. In Plenumsvorträgen und Werkstattphasen wird den JAV-Mitgliedern das Handwerkszeug für eine wirksame Interessenvertretung vermittelt. Von den Berufszulassungsgesetzen über die rechtlichen Einflussmöglichkeiten bis hin zur Gestaltung betrieblicher Öffentlichkeitsarbeit. Das allgegenwärtige Motto: » Können wir das schaffen? JAV, wir schaffen das!«

    JAV-Kon­fe­renz 2022 in Kas­sel shift/studio für ver.di JAV-Kon­fe­renz 2022 in Kas­sel

    In der JAV-Arbeit gehe es darum, »Selbstwirksamkeit zu schaffen«, betonte Nico Baumann, der die Jugendarbeit im ver.di-Fachbereich Gesundheit, Soziale Dienste, Bildung und Wissenschaft koordiniert. »Die Auszubildenden müssen merken, welche Kraft sie haben«, so der ehemalige Jugendvertreter beim Klinikbetreiber Helios. Das gelinge am besten, wenn die Betroffenen bei allen Auseinandersetzungen um die Verbesserung der Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen direkt einbezogen werden.

    Auch ver.di-Bundesvorstandsmitglied Sylvia Bühler appellierte an die versammelten Auszubildenden, noch stärker mitzumischen – zusammen mit ver.di. »Als Gewerkschaft holen wir unsere Stärke ausschließlich aus unserer Mitgliedschaft«, betonte sie. »Ob in politischen Debatten oder in der Tarifpolitik: Wir können nur etwas bewegen, weil Menschen sich zusammenschließen und gemeinsam für bessere Bedingungen eintreten.«

    Als Beispiel nannte sie die Ausbildungsvergütung für betrieblich-schulische Gesundheitsberufe, die ver.di 2018 in den Tarifverträgen des öffentlichen Dienstes festschreiben konnte. Die Bewegung für die Bezahlung von Auszubildenden in der Medizinisch-Technischen Assistenz, in der Ergo- und Physiotherapie sowie in anderen, bis dahin unbezahlten Ausbildungsberufen hatte an den Unikliniken in Nordrhein-Westfalen begonnen. »Das ist entstanden an der Basis. Die Auszubildenden haben sich organisiert, Druck aufgebaut und diesen wirklich historischen Schritt bewirkt«, erklärte Bühler. Dieses und viele weitere Beispiele zeigten: »ver.di lohnt sich. Gemeinsam können wir unglaublich viel bewegen. Und mit Tarifverträgen setzen wir immer wieder neue Maßstäbe.« Mit der Novellierung des Gesetzes zur Reform der technischen Assistenzberufe in der Medizin habe der Gesetzgeber nachgezogen und endlich eine verbindliche Ausbildungsvergütung festgeschrieben.

    Sylvia Bühler lacht ins Mikrophon. shift/studio ver.di-Bundesvorstandsmitglied Sylvia Bühler am 2. Juni 2022 bei der JAV-Konferenz in Kassel


    Reset-Knopf für die Pflegeausbildung

    Doch es muss sich noch viel mehr bewegen – auch und gerade in der Pflegeausbildung, wie am Donnerstag bei einer Podiumsdiskussion deutlich wurde. »Die Krise ist zum Normalzustand geworden. Wir brauchen einen Reset-Knopf – das ganze System muss zurück auf Anfang gestellt werden«, sagte die Professorin Karin Reiber von der Hochschule Esslingen, die in die Begleitforschung zum neuen Pflegeberufegesetz involviert ist. Nötig sei ein ganz anderes Bewusstsein für die zentrale Rolle der Ausbildung und mehr Wertschätzung in den Einrichtungen, um Fachkräfte für die Pflege zu gewinnen und zu halten.

    »Die Praxisanleitung ist der Schlüssel zum Erfolg«, sagte Lena Dorin vom Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB), das seit einigen Jahren auch für Pflegeberufe zuständig ist. »Je mehr geplante, strukturierte Praxisanleitung stattfindet, umso besser wird fachlich qualifiziert und umso besser gelingt es, die Pflegeprozessverantwortung zu vermitteln.« Hans Peter Engelhard vom Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben erklärte, im Gesetz sei eine geplante und strukturierte Anleitung von mindestens zehn Prozent vorgesehen – und diese werde auch refinanziert.

    Nicht nur auf den Gesetzgeber hoffen

    Etliche Beiträge aus dem Publikum machten allerdings deutlich, dass von den hehren Zielen und gesetzlichen Regelungen in der betrieblichen Praxis oft nicht allzu viel ankommt. Mehrere Teilnehmer*innen kritisierten, dass keinerlei Sanktionen greifen, wenn Einrichtungen die Vorgaben und die Ansprüche der Auszubildenden auf eine gute Ausbildung ignorieren. Das Grundproblem sei die hohe Arbeitsbelastung aller Beschäftigten, betonte die Gesundheits- und Krankenpflegerin Franziska Aurich. »Als Examinierte habe ich einfach nicht genug Zeit, den Auszubildenden etwas zu vermitteln. Wenn die Ausbildung einen hohen Stellenwert haben soll, muss sich das auch im Stellenschlüssel niederschlagen«, sagte die JAV-Vorsitzende im Uniklinikum Ulm.

    Sie forderte die Teilnehmer*innen auf, nicht nur auf den Gesetzgeber zu hoffen, sondern selbst mit ver.di aktiv zu werden. So sei es durch gewerkschaftlichen Druck gelungen, viele Errungenschaften aus Tarifverträgen im neuen Pflegeberufegesetz zu verankern. Aktuell streikten die Beschäftigten der sechs nordrhein-westfälischen Universitätskliniken für einen Tarifvertrag zur Entlastung des Personals und zur Verbesserung der Ausbildungsqualität. Unter anderem fordert ver.di dort einen Anteil von 25 Prozent Praxisanleitung, eine Eins-zu-eins-Betreuung in Anleitungssituationen, fünf Tage bereichsspezifische Einarbeitung in neuen Abteilungen sowie die Einrechnung der Praxisanleitung in die Dienstpläne, inklusive der Zeiten für Vor- und Nachbereitung. »Diese Tarifbewegung ist Hilfe zur Selbsthilfe«, sagte Franziska Aurich. »Anders funktioniert es offensichtlich nicht.«

    Resolution

    Dauerbaustelle Gesundheitswesen – nicht mit uns!

    Die über 120 Teilnehmer*innen der Konferenz von Jugend- und Auszubildendenvertretungen (JAV) aus dem Gesundheits- und Sozialwesen fordern eine massive Verbesserung der Ausbildungsbedingungen. Nur so kann dem wachsenden Fachkräftebedarf und der Berufsflucht begegnet werden. Eine gute praktische Ausbildung ist dabei zentral. Nötig ist eine geplante und strukturierte Praxisanleitung im Umfang von mindestens 25 Prozent für alle Ausbildungen im Gesundheits- und Sozialwesen. Sie muss von berufspädagogisch qualifizierten Anleiter*innen durchgeführt werden, die für diese Aufgaben von der Versorgung der Patient*innen, Bewohner*innen und Klient*innen freigestellt werden. Dies muss auch die notwendigen Vor- und Nachbereitungszeiten umfassen und für alle transparent und nachprüfbar im Dienstplan gekennzeichnet werden. Es braucht einheitliche gesetzliche Vorgaben zur Qualität in Ausbildung und Studium, die nicht nur auf dem Papier stehen. Ihre Einhaltung muss kontrolliert, Verstöße der Arbeitgeber*innen gegen ihre Verpflichtungen müssen zeitnah und hart sanktioniert werden.

    Die Gesundheitspolitik braucht einen Neustart. Das System der Fallpauschalen im Krankenhaus muss durch eine bedarfsgerechte Finanzierung ersetzt werden. Nirgendwo dürfen Gesundheits- und Sozialeinrichtungen an Gewinnmaximierung ausgerichtet sein. Neben einer guten Versorgung, kommt es auf die Bedürfnisse der Beschäftigten an. In allen Bereichen des Gesundheits- und Sozialwesens müssen bedarfsgerechte und verbindliche Personalvorgaben gelten.

    Für diese Ziele setzen wir uns gemeinsam ein. Im Betrieb nutzen wir unsere Mitwirkungsrechte als Jugend- und Auszubildendenvertretungen. Von den politisch Verantwortlichen erwarten wir statt Sonntagsreden, dass sie gute Rahmenbedingungen für unsere gesellschaftlich wichtigen Berufe schaffen. In der Tarifpolitik streiten wir mit unserer Gewerkschaft ver.di für gute Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen – so, wie es aktuell in den Unikliniken NRW geschieht. Die Beschäftigten dort streiken seit über einem Monat für einen Tarifvertrag Entlastung. Ihr Kampf ist unser Kampf! Sie sind ein Vorbild für uns alle und können auf unsere volle Solidarität zählen. Gemeinsam schaffen wir das!

    Kassel, den 3. Juni 2022


    veröffentlicht/aktualisiert am 7. Juni 2022

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